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#outofherbox | Interview mit Elisabeth Wagener von

Thalassophil

Man muss von seiner Idee überzeugt sein - das ist am wichtigsten.

Elisabeth Wagener

Wir freuen uns sehr, dass Elisabeth Wagener von „Thalassophil“, dem ersten Unverpackt-Laden in Wilhelmshaven, Zeit gefunden hat, mit uns über den Gründungsprozess von „Thalassophil“ und ihre Erfahrung als Gründerin zu sprechen.

Liebe Elisabeth, magst Du uns etwas zu Dir, Deinem Werdegang und Deiner Gründung erzählen?

Ich bin Elisabeth Wagener, ich habe im Februar 2021 in der Südstadt in Wilhelmshaven meinen Unverpackt-Laden „Thalassophil“ gegründet. Ich habe vorher meinen Master in Oldenburg in Sustainability, Economics and Management abgeschlossen. Das ist ein Master in Wirtschaft mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit. Das Studium hat mich noch einmal mehr darin bestärkt, dass ich mehr machen muss im Bereich Nachhaltigkeit, auch in Bezug auf mein Privatleben. Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt mich schon seit meiner Jugend, ich habe immer geschaut, was ich selbst verändern kann in meinem Konsumverhalten und vor allem im Bereich Müllvermeidung. Das merken wir alle jedes Mal, wenn wir einkaufen gehen, dass man nicht auf Einwegverpackungen und Plastik verzichten kann Kurz bevor ich von Oldenburg nach Wilhelmshaven gezogen bin, hat in Oldenburg ein Unverpackt-Laden eröffnet. Ich habe mich geärgert, dass es so ein Angebot in Wilhelmshaven nicht gibt und mich entschieden, selbst einen solchen Laden hier zu eröffnen. Mit meinem großen Interesse an dem Thema und meinem Studium im Rücken habe ich mir gesagt: „Das kann ich!“

Das, was ich hier mache, ist aus einer ganz tiefen, persönlichen Überzeugung heraus entstanden.

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Elisabeth Wagener

Hast Du Vorbilder, die Dich inspirieren?

Im öffentlichen Bereich bin ich großer Fan von Greta Thunberg, weil ich sie absolut beeindruckend finde. Sich als junge Frau – in dem Alter war ich nicht so mutig – alleine vor ein Parlament zu setzen und zu sagen: „Ihr müsst was tun und hört auf die Wissenschaft.“, das ist schon toll. Ich finde es auch sehr angenehm, dass sie von sich selber sagt, dass sie nichts weiß, aber auf die Wissenschaft hören kann. Das finde ich eine unglaublich gute Einstellung. Sie ist ein absolutes Vorbild für ganz, ganz viele Menschen und auch für mich.

Im privaten Bereich habe ich eine Tante, die sich schon seit Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt, u.a. auch im Bereich Banken- und Finanzwesen. Hier setzt sie sich sehr dafür ein, dass diese Branche nachhaltiger wird. Ich habe daneben auch eine andere Tante, die ein großes Unternehmen als Geschäftsführerin leitet. Mit ihr habe ich meine Gründungspläne besprochen, sie unterstützt mich auch viel auf der emotionalen Ebene. Sie hat mir viel geholfen, eine gute Balance zwischen Aufwand und Nutzen zu entwickeln. Sie hat mir geraten, neben dem ganzen Einsatz und Engagement, immer die Ansprechpartnerin für alles zu sein, immer erreichbar zu sein, auch darauf zu achten, dass ich einen Feierabend habe und mir Auszeiten gönne, also im Prinzip die Work-Life-Balance nicht aus den Augen zu verlieren. Daneben war ihr Rat, dass ich darauf schauen soll, dass die Zahlen stimmen, ich aber auch genug für mich herausbekomme. Sie hat mich ermutigt, zwischendurch innezuhalten und zu reflektieren: „Bist Du zufrieden oder musst Du irgendwo gegensteuern?“

Wie hat Dein Umfeld auf die Idee reagiert, als Du ihnen erzählt hast, dass Du gründen willst?

Mein Freundeskreis hat sehr positiv reagiert, die meisten finden einen Unverpackt-Laden gut. Ich habe gehört, dass ich megamutig bin, dass das eine tolle Idee ist, dass ich das schaffen werde. In meiner Familie hat neben den erwähnten Tanten niemand Erfahrung mit dem Thema Selbständigkeit, alle sind in eher klassischen Arbeitsverhältnissen unterwegs, insofern war dort die Skepsis größer, ob das klappt. Da kamen schon die Fragen, ob ich mir das gut überlegt habe oder ob ich nicht lieber doch einen anderen Weg einschlagen möchte, der vielleicht ein bisschen leichter und ein bisschen abgesicherter ist, Auch, dass ich ohne Eigenkapital gegründet habe, wurde eher kritisch gesehen und auch, dass ich direkt nach dem Studium gründen wollte. Die Idee von einem eigenen Laden, einem Unverpackt-Laden fanden sie aber gut.

Wie bist Du mit diesen Zweifeln und der Skepsis aus Deinem Umfeld umgegangen?

Ich habe das größtenteils ignoriert, weil ich mir sehr sicher und von der Idee überzeugt war. Ich habe mit meinem Partner lange drüber gesprochen, und wir beide waren uns sicher, dass wir das zusammen hinbekommen. Er ist zwar nicht beteiligt am Laden, aber eine absolute Unterstützung für mich. Wir haben gesagt, dass wir das gemeinsam anpacken und gemeinsam schaffen. Die Unterstützung war auch sehr groß, von vielen Leuten, auch von der Wirtschaftsförderung in Wilhelmshaven. Wenn ich keinen Partner gehabt hätte, der mich so vorbehaltlos unterstützt, hätte ich den Schritt vermutlich nicht gewagt, das war schon sehr wichtig. Dabei ging es gar nicht so sehr darum, dass es einen finanziellen Rückhalt gibt oder er einen festen, sicheren Job hat, sondern es ging viel mehr um die emotionale Unterstützung. Dass, wenn es anstrengend wird, ich zu Hause jemanden habe, auf den ich mich verlassen kann und mit dem ich mich immer austauschen kann, auch wenn es mal schwierig wird.

Wie hast Du die Gründung konkret vorbereitet?

Der erste Schritt war, in den Unverpackt-Verband einzutreten, um mich umfassend zu informieren zu Sortimenten, Lieferant_innen, zu rechtlichen Aspekten und Hygieneregeln. Ich wollte daneben schauen, welche Läden in welchen Städten aufgemacht haben und was vergleichbar von der Größe mit Wilhelmshaven ist. Ich bin in den Austausch mit einigen Ladenbesitzer_innen getreten und habe ihnen vor allem auch Fragen zum Sortiment und der Fokussierung gestellt. Hier habe ich mir Ideen und Inspiration geholt. Viel habe ich aber auch selbst entschieden. Ich habe mir auch die Frage gestellt, ob ein Unverpackt-Laden in einer Stadt mit der Größe von Wilhelmshaven überhaupt bestehen kann und bin deshalb nach Bockhorn gefahren, das ja nochmal kleiner ist und dennoch einen Unverpackt-Laden hat und habe mich der Besitzerin vor Ort ausgetauscht. Ich hatte den Eindruck, dass das klappen kann und habe mich dann auf die Suche nach einem geeigneten Standort gemacht.
Ich habe mich in Bezug auf Preise für meine Ware informiert um mich zu verorten in einem bestimmten Segment. Hier liege ich sicherlich unterhalb des Preisniveaus vieler anderer Unverpackt-Läden in größeren Städten, weil meine Fixkosten niedriger sind. Meine Miete ist z.B. geringer. Ich muss nicht einen so starken Aufschlag nehmen, und so können sich viele Menschen, die Produkte, die ich anbiete, auch eher leisten als in größeren Städten. In Wilhelmshaven können sich auch Menschen mit einem geringeren Einkommen einen Einkauf bei mir leisten, und so habe ich eine größere Zielgruppe als ich sie in vielen anderen Städten hätte.

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Wie hast Du die Finanzierung gestemmt?

Ich habe bei Plug&Work Digital aus Wilhelmshaven mitgemacht, das u.a. von der Bundesregierung und den Europäischen Sozialfonds finanziert wird mit dem Ziel die Südstadt in Wilhelmshaven wieder attraktiver zu machen, indem sich dort Unternehmen ansiedeln. Plug&Work Digital hatte einen Wettbewerb ausgeschrieben (Anm. der Red.: Der Wettbewerb läuft 2022 aus, es sind leider keine Bewerbungen mehr möglich), den ich gewonnen habe. So habe ich eine Förderung für den Start erhalten. Ich habe einen richtig guten Standort in der Südstadt gefunden. Darüber bin ich sehr glücklich, da die Standortwahl das A und O ist, wenn man so einen Laden aufmachen will. Man braucht Laufkundschaft und Parkplätze, da viele Kund_innen doch mit dem Auto kommen für den Einkauf. Auch ein Platz draußen vor dem Laden ist wichtig, wenn man eine Kaffee-Ecke oder etwas in der Art plant.

Der nächste Schritt war eine Finanzierung über das Crowdfunding. Hier konnte ich testen, wie viele Menschen meine Idee unterstützen wollen und auch bereit sind, mir als fremder Person Geld zu geben, damit ich die Idee eines Unverpackt-Ladens verwirklichen kann, Ich hatte einen Riesenzuspruch, es waren 234 Personen, die gespendet haben. Ich konnte so Materialien für den Umbau und die Renovierung, Möbel und Behältnisse für die Waren anschaffen.

Im Anschluss habe ich einen Kredit bei meiner Hausbank aufgenommen für die Warenerstausstattung. Sehr geholfen hat mir, dass meine Hausbank das Geld aus dem Crowdfunding als Eigenkapital anerkannt hat. Ich habe so deutlich bessere Kreditkonditionen bekommen.

Erzähle uns doch noch etwas mehr über das Crowdfunding.

Ich habe mich für die Plattform StartNext entschieden. StartNext ist relativ stark auf Nachhaltigkeit gepolt, dort werden viele nachhaltige Geschäftsideen und Projekte positioniert, die dort Kapital suchen. Man kann das Crowdfunding relativ frei gestalten. Es gibt dort zwei Formen, wie Geld zur Verfügung gestellt werden kann: Zum einen spendenbasiert, d.h. man gibt einen Freibetrag und möchte keine Gegenleistung. Die Höhe dieses Freibetrages kann man frei wählen, der Mindestbeitrag beträgt einen Euro, er gibt keine Obergrenze. Zum anderen kann man „Dankeschöns“ anbieten, z.B. Gutscheine. Das habe ich auch angeboten in Form von Gutscheinen in der Höhe von 10€ bis 100€. Mir hat gut gefallen, dass man auf dieser Plattform auch Angebote für den kleinen Geldbeutel anbieten kann. Es geht ja um die Crowd, also viele kleine Beträge und nicht nur einige wenige große. Viele Leute geben ein bisschen. Bei mir wurden am meisten Beträge zwischen 5€ und 40€ gewählt. Abseits von den Gutscheinen kann man auch Produkte als Gegenleistung anbieten. Das habe ich auch gemacht und Produkte aus meinem Sortiment ausgegeben. Es gibt auch Mischmodelle, dass man einen Teil spendet und einen Teil als Gutschein oder Produkt zurückbekommt. Bei mir hat sich das so verteilt, dass ich 2/3 der Summe in Verbindung mit „Dankeschöns“ und Gutscheinen und 1/3 als freie Unterstützung, also als Spende ohne Gegenwerte wie Gutscheine oder Produkte, erhalten habe.
Man muss ein Imagevideo erstellen, in dem man seine Idee erklärt und die Motivation für die Gründung. Ich habe ganz transparent erzählt, warum ich diesen Unverpackt-Laden aufbauen will und dass ich dafür Startkapital benötige und die monetäre Unterstützung von Menschen, die diese Idee auch gut finden. Ich hatte noch nicht gearbeitet und von daher keine Rücklagen, die ich einsetzen konnte. Man beschreibt, für was genau man das Geld für das erste und zweite Fundingziel benötigt, was man damit machen will. Die Kampagne lief zwei Monate, und man muss bei StartNext zwei Fundingziele angeben. Wenn man unter dem ersten Ziel bleibt, gilt das Crowdfunding als gescheitert, das Geld bleibt bei den Leuten. Sobald man aber das erste Ziel erreicht hat, wird das Geld ausbezahlt, und in einem nächsten Schritt geht man dann das zweite Fundingziel an. Mit dem ersten Fundingziel von 10.000€ konnte ich den Laden renovieren und für eine Eröffnung herrichten. Insgesamt habe ich etwas über 12.000€ bekommen.

Wie wichtig ist das Thema Netzwerken?

Über den Unverpackt-Verband habe ich Zugang zu einem für mich idealen, überregionalen Netzwerk bekommen. Das regionale Netzwerk hier vor Ort finde ich jedoch auch immer wichtiger. Mir hilft kein Unverpackt-Laden in einer Großstadt, weil er nicht vergleichbar ist von den Kund_innen und dem Sortiment. Mit den Unverpackt-Läden hier oben an der Küste kann ich mich relativ gut vergleichen. Wir können uns gegenseitig auf neue regionale Produzent_innen und Lieferant_innen aufmerksam machen und uns in Bezug auf Bestellmengen und Mindestbestwerten abstimmen. Wir bekommen bessere Konditionen, wenn wir uns zusammenschließen. Für das Crowdfunding hat mir auch das Wilhelmshavener Netzwerk von Gastronomen sehr geholfen, v.a. das Café Morgen und das Restaurant L’Orient. Man muss Werbung für seine Crowdfunding-Seite machen, um möglichst viele Menschen zu erreichen und von seiner Idee zu überzeugen. Ich habe Werbung für Crowdfunding über Facebook und Instagram gemacht. Das Café Morgen und das L’Orient haben mein Vorhaben mitbeworben, haben Posts von mir reposted und Stories von mir geteilt, da gingen meine Abonennt_innenzahlen nach oben, und meine Reichweite war entsprechend hoch. Im Gegenzug mache ich Werbung hier bei mir Laden für sie. Ich habe mich auch in Bezug auf die Ausstattung im Laden von ihnen beraten lassen. Generell kann ich sagen, dass es wichtig ist, rauszugehen und Leute ansprechen, ob über digitale Kanäle oder persönlich vor Ort.

Das Netzwerken erfüllt für mich dabei mehrere Funktionen: Natürlich ist es Werbung für mich und soll mehr Kund_innen in den Laden locken, aber ich möchte einfach auch auf einer umfassenden Ebene über das Thema Nachhaltigkeit informieren, Impulse setzen, Anreize geben und das Thema nach außen tragen. Wenn mich die Menschen weiterempfehlen, dann ist das die beste Werbung, die ich bekommen kann.

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Worauf bist Du besonders stolz?

Auf die Immobilie, auf den Laden bin ich stolz. Die Immobilie war in einem schlechten Zustand, sie wurde vorher als Lager genutzt. Wir haben drei Monate lang jeden Tag hier gearbeitet und renoviert. Das war sehr anstrengend, aber auch sehr bereichernd. Wir haben viele gute Entscheidungen getroffen, und wir mussten wenig korrigieren im Nachgang. Der Plan war, dass wir im Februar öffnen, und das haben wir auch geschafft. Immer, wenn ich jetzt hier aufschließe und in den Laden komme, denke ich: „Mensch, ist das schön!“ Das ist mein Laden, und das habe ich aufgebaut. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich mich das getraut habe und dass ich das umgesetzt habe.

Was mich auch sehr, sehr glücklich macht, ist die Kundschaft. Ich habe unfassbar viele, schöne Gespräche über alles Mögliche, über Nachhaltigkeit oder auch über Familiensituationen. Das ist ein ganz, ganz schönes Gefühl, weil meine Kundschaft wirklich sehr interessiert ist. Die Kund_innen bringen häufig Zeit mit, es gibt Zugezogene, die noch niemanden vor Ort kennen, auch aufgrund von Corona, die freuen sich dann, wenn sie hier eine Ansprechpartnerin haben. Es kommen auch ältere Leute, die alleine sind, und das noch von früher kennen, von diesen Tante-Emma-Läden, dass man schnacken kann und eben nicht nur seine Einkäufe erledigt. Das ist für mich ein wahnsinnig schöner Aspekt dieses Ladens, über den ich mich auch immer wieder drüber freue und für den ich mir auch Zeit nehmen will. Diese Gespräche und dieses Zwischenmenschliche, das möchte ich nicht mehr missen, das sind Aspekte, die ich im Vorfeld gar nicht stark wahrgenommen hatte, die aber jetzt sehr wichtig für mich sind und mich auch sehr zufrieden machen.

Du bist hier ein richtiger Anlaufpunkt in der Südstadt in Wilhelmshaven geworden, oder?

Wenn Leute im Internet „Wilhelmshaven“ und „Nachhaltigkeit“ suchen, stoßen sie sehr schnell auf „Thalassophil“. Ich bin hier zu einer echten Anlaufstelle zum Thema Nachhaltigkeit geworden, darauf bin ich stolz. Menschen kommen auch mit Fragen auf mich zu, die nicht unbedingt etwas mit dem Unverpackt-Laden an sich zu tun haben, sich aber auch rund um das Thema Nachhaltigkeit drehen. Ich versuche, auch hier immer weiter zu helfen oder auch Kontakt zu anderen Anlaufstellen oder Personen herzustellen. Mich freut das total. Mein Ziel war auch nie, einen Laden aufzumachen und nur Geld zu verdienen, indem ich Ware verkaufe. Ich wollte immer einen nachhaltigen Laden führen, der Mehrwerte über den reinen Verkauf hinweg bietet. Deshalb sammele ich Korken, Kronkorken und bin Elektrosammelstelle für Altgeräte. Ich bin mit dem NABU und dem BUND in Kontakt und lege Informationsmaterial bei mir aus. Ich mache die Anmeldungen für das Carsharing, ich habe hier ein Lastenrad, das Deichrad, draußen vor der Tür stehen, das ist alles unentgeltlich. Und ich beziehe Ökostrom und Ökogas.

Wie schaffst Du es, Dich dabei nicht zu verzetteln?

Man muss lernen, auch nein zu sagen und darf nicht aufhören, Anfragen kritisch zu hinterfragen. Wenn z.B. jemand auf mich zukommt und fragt, ob ich etwas in das Sortiment mit aufnehmen oder etwas als Information auslegen kann, schaue ich mir sehr genau an, ob das wirklich zu meinem Konzept, meinem Verständnis von Nachhaltigkeit und meinem Anspruch passt. Es kommt durchaus vor, dass ich solche Anfragen ablehne. Wenn ich in der Vergangenheit etwas abgelehnt habe, hat mir das bis jetzt niemand krumm genommen, zumindest nicht so, dass ich es mitbekommen hätte.

Du bist jetzt seit zehn Monaten mit Deinem Laden auf dem Markt und hast in der Corona-Pandemie gegründet. Was waren oder sind die größten Herausforderungen für Dich?

Aktuell gibt es tatsächlich Veränderungen bei mir. Meine Prognose zu der Entwicklung des Ladens war vielleicht etwas zu optimistisch für den Zeitraum von Februar bis jetzt. Ich bin sechs Tage im Laden, unter der Woche 10-18 Uhr und am Samstag 10-16 Uhr, ich verbringe hier viel Zeit und bin immer ansprechbar. Die Entwicklung des Ladens ist grundsätzlich eine gute, und der Laden trägt sich auch, aber es fällt nicht so viel ab, dass es für eine zusätzliche Einstellung reicht, der/die mich entlastet und ab und zu mal einen Samstag übernimmt, damit ich Familienzeit habe oder einspringt, wenn ich krank bin oder wichtige Termine habe. Das war eigentlich mein Plan.

Aktuell muss ich den Laden bei solchen Vorkommnissen immer schließen bzw. die Familienzeit kommt zu kurz.  Deshalb habe ich mich entschieden, jetzt zunächst in eine befristete Vollzeit-Anstellung zu gehen. Den Laden werde ich mit beschränkten Öffnungszeiten auf jeden Fall weiterführen. Ich hoffe sehr, dass das funktioniert und meine Kundschaft mir zu großen Teilen erhalten bleibt. So kann ich auf mein Gehalt aus dem Laden verzichten und hoffentlich dann möglichst bald eine Teilzeitkraft einstellen.

Ich möchte jetzt auch etwas für meine Altersvorsorge tun. Bis jetzt habe ich nichts zurücklegen können. Das ist gerade für mich die Herausforderung: Wie kann ich jetzt mein Leben finanzieren, mich auch für das Alter absichern, wie kann der Laden weiterlaufen und wie schaffe ich es, dabei auch Zeit für mich und die Familie zu haben? Aktuell haben daneben ganz viele Unverpackt-Läden eine schwierige Zeit, das höre ich aus meinem Netzwerk sehr deutlich. Das scheint also auch ein generelles Thema am Markt zu sein. Die Gründe dafür erschließen sich mir nicht wirklich.

Das ist für mich jetzt gerade schon eine Bewährungsprobe.

So eine Entwicklung und eine entsprechende Reaktion darauf gehören für mich aber auch mit zum Unternehmer_innentum: Gegenzusteuern, wenn es die Umstände verlangen oder die Rahmenbedingungen sich ändern und in Alternativen und Optionen zu denken, ohne dass man sofort aufgibt. 

Du befindest Dich gerade in einer herausfordernden Situation. Wie gehst Du mit dem Gedanken an ein mögliches Scheitern um?

Ich setze alles daran, dass Thalassophil bestehen bleibt, ich möchte das wirklich sehr. Ich bereue die Gründung überhaupt nicht, das war genau richtig, und ich freue mich, dass ich meine Idee umgesetzt habe. Diese Angst vor dem Scheitern ist zwar da, aber dass ein Scheitern so negativ bewertet wird, muss man ablegen. Das ist eine typische deutsche Sache. In den USA ist es überhaupt nicht schlimm, wenn etwas nicht klappt. In Deutschland hingehen wird das sehr harsch bewertet, wenn eine Gründung scheitert. Da möchte ich mich unbedingt von lösen. Ein Scheitern würde mich schon treffen, auch emotional, weil ich in den Laden so viel Herzblut hineingesteckt habe. Aber selbst wenn es dazu kommen sollte, werde ich es nie bereuen, es gemacht zu haben. Im Gegenteil, ich würde mich vermutlich mein ganzes Leben lang ärgern, wenn ich den Schritt nicht gewagt hätte.

Würden Du sagen, dass die Gründung und das Führen Deines Ladens Dich in Deiner Persönlichkeit verändert hat?

Ja, ganz klar. Ich mochte es z.B. nie, vor Menschen zu reden. Weder in Interviews noch vor größeren Gruppen. Man gewöhnt sich daran, wird entspannter. Das ist sicherlich eine Sache, bei der ich merke, dass ich viel selbstbewusster geworden bin, viel mutiger und dass ich auch viel besser meine Ideen vertreten kann. Dass ich meine Meinung vertrete, hinter meiner Sache stehen kann, auch wenn jemand sich kritisch äußert. Ich lasse mich nicht mehr kleinreden und auch nicht mehr aus der Fassung bringen. Das ist eine ganz wichtige Entwicklung, die ich in den letzten Monaten durchlaufen habe. Vor einem Jahr stand ich da noch nicht. Auch mein privates Umfeld merkt diese Veränderung. Meine Familie hat dies auch schon angesprochen. Ich denke auch stärker in Lösungen als in Problemen, gerade auch beim Thema Nachhaltigkeit. Hier hinterfrage ich ständig – auch bei mir selbst – ob es nicht doch eine Lösung für ein Problem gibt, die ich vorher nicht gesehen habe. Und ganz oft ist das dann auch der Fall.

Diese Entwicklung nehme ich für meinen weiteren Lebensweg mit, dafür bin ich sehr dankbar. 

Was würdest Du heute anders machen?

Klingt blöd, aber ich glaube fast nichts. Ich bin ganz zufrieden, wie ich die Gründung angegangen bin. Ich sehe wenig Dinge, von denen ich sage, dass sie nicht gut gelaufen sind. Ich bin sehr zufrieden mit dem Laden, ich bin zufrieden mit dem Standort, ich bin zufrieden mit meinem Sortiment. Was ich grundsätzlich immer empfehlen kann – und das habe ich auch gemerkt –  dass, wenn man keine Ahnung in bestimmten Bereichen hat, man Leute fragen sollte, die sich damit auskennen. Man muss nicht alles sofort selbst können. Man hat seine Fähigkeiten, man hat seine Expertise, man hat tolle Ideen, aber man darf sich auch Hilfe holen.
Wenn ich das Ganze zurückschrauben und wieder von vorne starten würde, würde ich es wieder sehr ähnlich aufziehen, aber im Vorfeld noch mehr mit bereits bestehenden Unverpackt-Läden sprechen.

Welche Eigenschaften sind für Gründungsinteressierte in Deinen Augen am wichtigsten?

Man muss selbst von seiner Idee überzeugt sein – das ist am wichtigsten. Ich kann viel schlechter etwas verkaufen, hinter dem ich nicht stehe. Es ist sehr wichtig, dass man hinter seiner Idee steht, wenn man diese nach außen tragen möchte. Also nicht nur zu sagen, dass die Idee toll ist, sondern auch in der Lage zu sein, die Idee und ihren Mehrwert anderen Menschen nahe zu bringen und sie zu überzeugen.
Bei dem Jury-Gespräch von Plug&Work Digital habe ich diese Erfahrung gemacht. Man muss nicht der/die charismatischste Redner_in sein, aber ein gewisses Auftreten hilft sehr, so dass die Jury zu der Überzeugung kommt, dass diese Person das packen kann, dass man ihr das zutraut. Dabei gibt es natürlich unterschiedlichste Ausprägungen. Ich bin meinen Vortrag im Kopf immer wieder durchgegangen, habe ihn vor meinem Partner vorgetragen, er hat mir Feedback gegeben, ich habe es erneut vorgetragen. Schwierig wird es, wenn man sich nicht traut, mit Leuten zu reden und auf Leute zuzugehen. Das muss man überwinden, ich habe das auch geschafft, obwohl ich eher schüchtern bin. Und je öfter ich meine Gründungsgeschichte erzähle und was den Laden ausmacht, desto leichter fällt es mir. Das ist viel Übungssache. Am wichtigsten ist aber tatsächlich in meinen Augen immer, dass man von der eigenen Idee überzeugt ist und für sie brennt. 

Wichtig ist auch, sich nicht entmutigen zu lassen. In Bezug auf die Finanzierung meiner Gründung ist nicht alles glatt gelaufen, doch ich habe mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen. Dranbleiben, sich Hilfe holen, andere Leute fragen. Auch Gründer_innen ansprechen, die sich in einer ähnlichen Situation befunden haben. Nach meiner Erfahrung helfen alle gerne weiter. Ob man einem Rat oder einer Empfehlung dann folgen will, muss man dann wieder selbst entscheiden. Nicht alles passt auf die eigene Situation. Doch sich Erfahrungswerte im Vorfeld einer Entscheidung einzuholen ist mit Sicherheit hilfreich.

Glaubst Du, dass es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen in Bezug auf die Gründung eines Unternehmens gibt?

Im Bereich Unverpackt-Läden sind es fast ausschließlich Frauen, die gründen. Es sind selten Frauen, die es alleine machen, sie gründen fast immer im Team. Männer gehen in meinen Augen generell mehr Risiken ein, sie haben stärker diese Einstellung: “Ich probiere es, und wenn es schiefgeht, OK, auch nicht schlimm.“ Frauen sind da deutlich sicherheitsbedachter, schauen, wie sie das alles am besten hinbekommen und wie sie ihr Lebens- und Arbeitsmodell am besten absichern können. Sie sagen deshalb vermutlich auch eher: „Ich mache das nicht alleine, ich mache das lieber im Team.“ Männer trauen sich eher, eine Gründung auch alleine anzugehen. Und sie kommunizieren auch stärker nach außen, dass sie der Gründer sind. Frauen sind da zurückhaltender und wollen eher ihre Idee zeigen als sich selbst in den Mittelpunkt rücken. Das ist bei mir auch so.

Dass Frauen sicherheitsbezogener sind, rührt in meinen Augen zum Teil daher, dass immer noch in vielen Köpfen verankert, dass die Frau sich um die Familie kümmern muss. Wenn man zu Hause eine Familie hat, muss man diese Familie absichern. Und deshalb kann man nicht volles Risiko gehen und geht eher vorsichtig an ein Vorhaben wie eine Gründung heran. Insofern kann es auch von Vorteil sein, jung zu gründen, weil man diese Gedanken und diese Verantwortung in diesem Ausmaß oft noch nicht hat.

Elisabeth, ganz herzlichen Dank für Deine Zeit und die interessanten Einblicke in Deine Gründung!

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Das Interview führte Dr. Daniela Bravin.

E-Mail: daniela.bravin@jade-hochschule.de
Telefon:  0 4421 985 – 2581


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Ansprechpartnerin: Elisabeth Wagener

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