Skip to content

#outofherbox | Interview mit Alexandra Petrikat von

teethlovers

Wenn wir etwas Tolles in die Welt setzen wollen, dann können wir auch ein Risiko eingehen.

Alexandra Petrikat

Liebe Alex, stelle Dich, Marie und Euer Unternehmen „teethlovers“ vor: Wer seid Ihr?

Ich bin Alexandra Petrikat, die meisten nennen mich Alex, und ich bin Mitgründerin und Geschäftsführerin von „teethlovers“. Meine „bessere Hälfte“ ist Marie Greive, wir haben „teethlovers“ zusammen vor sieben Jahren gestartet und sind seit zwei Jahren auf dem Markt. Unser Produkt, ein Pulver zur Zahnreinigung als Alternative zur Zahnpasta, haben wir zunächst für den Eigenbedarf entwickelt. Es ging anfangs gar nicht darum, ein Unternehmen zu gründen und ein Produkt auf den Markt zu bringen. Wir waren unzufrieden mit vielen Aspekten der Zahnreinigungsprodukte auf dem Markt, z.B. die Plastiktubenverpackungen, mögliches Mikroplastik und unnötige bis hin zu gesundheitsschädlichen Zusatzstoffen. Im naturkosmetischen Bereich waren viele der vorhandenen Produkte entweder sehr abrasiv und damit zahnschmelzschädigend, haben nicht so gut gereinigt oder waren meist nicht lecker. Es gab also immer irgendwas, das uns nicht passte.

Alex Petrikat, Mitgründerin der teethlovers aus Oldenburg

Wie habt Ihr beide Euch kennengelernt und Eure Geschäftsidee entwickelt?

Wir haben uns an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde kennengelernt, wo wir beide Ökolandbau und Vermarktung studiert haben. Wir kommen aus dem Landbau, vor allem aber aus dem kritischen Denken, dem regenerativen Wirtschaften. Marie hat im Anschluss noch einen Business-Master in Münster im nachhaltigen Business-Management absolviert.

Unsere Geschichte begann eher zufällig. Ich war während des Studiums bei Marie auf einem Lerntreffen, da stand ich bei ihr im Badezimmer und habe gesehen, dass sie ihre eigenen Zahnreinigungsmittel dort stehen hatte, und das sah bei mir im Badezimmer genauso aus. Es handelte sich also ganz klar um „Zahnliebhaberei auf den ersten Blick“.

Wir haben uns zusammengetan, entwickelten Rezepte, wälzten wissenschaftliche Studien und fanden heraus, welche Inhaltsstoffe überflüssig oder sogar gesundheitsgefährdend sein können und welche essentielle Wirkstoffe für eine effektive Zahnpflege sind. Letztendlich haben wir alles aus der Zahnpasta rausgeworfen, was überhaupt keinen Nutzen für die Mundgesundheit hat. Und so sind wir dann bei unserem Zahnpulver gelandet. Wir nutzten nur die besten Wirkstoffe und stellten unser Produkt für den Eigenbedarf her. Das entwickelte Zahnpulver haben dann wiederum WG-Mitglieder sowie unser Freundes- und Familienkreis probiert. Und plötzlich sind ganz viele Beschwerden bei Leuten verschwunden, die sie jahrelang nicht in den Griff bekommen hatten, z.B. Zahnstein, Ablagerungen, Zahnfleischentzündungen, allergische Reaktionen oder auch Aphten.

Auf einmal ist ein stetig wachsender Bedarf und eine unaufhaltsame Nachfrage im erweiterten Freundeskreis und anschließend auch von Leuten, die wir gar nicht mehr kannten, entstanden, denen unser „Hausmittel“ empfohlen wurde. Da haben wir gemerkt, dass da tatsächlich ein richtiger Markt für vorhanden ist und wir nicht die einzigen sind, die unser Zahnpulver toll finden.

Die teethlovers: Alexandra Petrikat (links) & Marie Greive (rechts)

Wie ging es dann weiter? Ihr habt ja zu dem Zeitpunkt noch studiert.

Wir haben angefangen, unsere Idee in unser Studium einzubauen und beide unsere Bachelor-Arbeiten darauf ausgerichtet. Es gab einen Part im Bereich Marktforschung, um den hat Marie sich gekümmert und ich habe die Rohstoffgewinnungsprozesse richtig unter die Lupe genommen, um auch hier nachhaltiger agieren zu können als es auf dem Markt der Standard ist. Wir haben uns gesagt: „Wenn wir es machen, dann in jeglicher Hinsicht richtig!“ Deshalb stellte sich uns die Frage, wo wir unsere Rohstoffe so nachhaltig wie möglich herbekommen.

Außerdem wollten wir kein unnötiges Plastik in die Welt setzen und zur Müllproblematik beitragen, also haben wir uns „Plastikfreiheit“ und „Zero Waste“ als Ziele gesetzt. Wir haben eine Verpackung aus Glas mit Bambusdeckel und Silikondichtung. Das Glas ist wiederauffüllbar. Wir wollen damit auch die Unverpackt-Szene unterstützen.

Marie hat im Rahmen ihres Masters noch eine weitere, diesmal deutschlandweite Studie mit 60 Probandinnen und Probanden durchgeführt. Ich bin zwischenzeitlich zweifache Mutter geworden, also eigentlich ja dreifache, wenn man das Unternehmen mit einrechnet (lacht).

Zu Beginn der Pandemie haben wir offiziell gegründet. Unser Notartermin zur GmbH-Gründung fiel in die erste Lockdown-Woche und wurde natürlich verschoben. Das war die erste Corona-Bremse, die in unsere Planung reingehauen hat. Das hat sich nicht super angefühlt, hat aber erstaunlich viele kreative Kräfte bei uns freigesetzt, und uns in vielen Bereichen komplett umdenken lassen. Wir haben dann z.B. erst einmal eine GbR statt der GmbH gegründet. Da kam dann auch Ulla Schweitzer* ins Spiel, die uns mit einem Privatdarlehen geholfen hat.

Unser Produktlaunch war kurz darauf im Sommer 2020. „Die ZahnarztWoche“ hat von uns Wind bekommen und sie haben einen Artikel über uns geschrieben, der sowohl von Zahnärzt_innen als auch von Dentalhygieniker_innen abgesegnet war. Diese Berichterstattung hat dafür gesorgt, dass wir innerhalb von 1,5 Monaten ausverkauft waren. Das war ein unerwartet schneller und sehr schöner Erfolg. Seitdem läuft es sehr gut. Wir haben dann 2021 in eine GmbH umfirmiert und zwei Investoren und zwei Angestellte mit ins Team geholt.

Welchen Einfluss hatte Corona auf den Vertrieb Eurer Produkte?

Der Plan war schon immer, dass wir on- und offline verfügbar sein wollten, mit einem leichten Shift zu Offline. Unsere Marktrecherche hat ergeben, dass gerade Drogerieartikel nach wie vor viel im stationären Handel, d.h. in Ladengeschäften gekauft werden. Gestartet haben wir mit den Unverpackt-Läden, die zu Beginn der Corona-Pandemie eher verhalten auf Neueinführungen in ihr Sortiment reagiert haben, da sie selbst nicht wussten, wie sich die nächsten Monate für ihre Läden entwickeln würden.

Wir waren auch kurz in einer Art Schockstarre, als der erste Lockdown kam. Da war es sehr gut, das wir zu zweit waren. Das war bei uns schon immer so. Wenn bei einer die Batterie zur Neige geht, ist die andere da und sorgt für den nötigen Rückenwind. Das kehrt sich auch immer wieder um und so halten wir uns gegenseitig am Laufen, im besten Sinne.

Glücklicherweise ist die Unverpacktbewegung nach wie vor sehr stark in Deutschland, auch wenn sie während der letzten zwei Jahre merkliche Einbußen zu verzeichnen hat. Wir sind nun auch Teil des Unverpacktverbandes und hoffen sehr, dass sich die Zero-Waste-Szene durchsetzt und mehr politische Unterstützung für eine müllfreie Zukunft erhält. 

Glaubst Du, dass es leichter ist, im Team zu gründen als alleine?

Ich habe ja bisher nur die Erfahrung einer Team-Gründung gemacht. Und ich hätte es nicht anders haben wollen. Ich finde die Gründung eines Startups recht vergleichbar mit dem Dasein als Mutter. Man hat super viel Verantwortung und durchläuft ständig neue Phasen, auf die man nicht wirklich vorbereitet ist, außer man hat das schon einmal durchlaufen. Es passieren ständig neue Dinge, man steht vor Herausforderungen, mit denen man dann doch nicht gerechnet hat. Und da zu zweit zu sein, finde ich super hilfreich. Man sieht zu zweit auch viel mehr, hat eine Sparringspartnerin und dreht sich dadurch gedanklich nicht immer nur im eigenen, kleinen Kämmerchen.

Ich finde es auch sehr wichtig, dass man sich – selbst wenn man schon zu zweit oder dritt ist – immer auch Kompetenzen von außen holt. So sind wir auch in der Gründerinnen-Zentrale in Berlin gelandet. Weil es einfach immer erfahrenere Menschen gibt, von denen wir viel lernen können und die meistens auch Freude daran haben, uns auf unserem Weg zu unterstützen. Ich würde von daher nicht alleine gründen. Wenn jemand allerdings alleine gründet, würde ich bei Herausforderungen dazu raten, sich komplementäre Kompetenzen durch externe Partner_innen zu holen.

Wie bewertest Du vor diesem Hintergrund das Argument, dass bei einer Einzelgründung Dinge schneller gehen, da man sich mit niemandem abstimmen muss?

Ich kann das Argument sehr gut nachvollziehen, weil ich in vielen Lebensbereichen auch so vorgegangen bin. Ich bin über fünf Jahre alleine gereist und diese Kompromisslosigkeit, Entscheidungen zu treffen, ohne sich abstimmen zu müssen, und damit auch immer selbst verantwortlich zu sein, ist echt cool und passt auch zu bestimmten Typen von Menschen. Man kommt sicherlich an vielen Stellen schneller voran.

Doch Marie und ich ergänzen uns einfach gut in unseren Stärken. Marie ist eine sehr akribische und strukturierte Person, auch im Bereich Finanzen ist sie super „sharp“ und „on top of it“. Das ist einfach nicht meine Stärke. Ich bin die Netzwerkerin, bin nach außen hin sehr schnell verknüpfend, habe das große Ganze sehr gut im Blick. Wenn es dann aber um die Details geht, bin ich fast schon raus, und das wäre bei ganz vielen Entscheidungen verhängnisvoll gewesen. Ich verlasse mich dann auf mein Bauchgefühl. Das ist als alleiniger Ratgeber oft keine gute Entscheidungsgrundlage im Unternehmer_innendasein. Bauchentscheidungen sollten immer nachgeprüft werden.

Wie hat Euer Umfeld auf Eure Gründung reagiert?

In unserem Umfeld gab es eigentlich gar keine Zweifel. Das ist ziemlich interessant. Es gab hin und wieder das Feedback, dass wir zu wenig Zeit mehr für andere Lebensbereiche hätten. Das war eher eine Sorge und Traurigkeit aus unserem sozialen Umfeld. Wir stecken tatsächlich unheimlich viel Zeit in unser Unternehmen, weil es einfach so viel Spaß macht und wir dafür brennen.

Die meisten Reaktionen waren lustigerweise eher ein Drängeln im Sinne von: „Wie lange dauert das denn jetzt noch? Wann können wir endlich euer Zahnpulver kaufen?“ Wir hatten eine riesige Zahnpulver-Nachfrage generiert, der wir zu Beginn gar nicht gerecht werden konnten. Unser engster Kreis bestand von vornherein aus begeisterten Zahnpulvernutzenden, die wussten, dass das total sinnvoll ist, was wir machen, weil sie selbst so überzeugt waren.

Wenn man eine Software entwickelt oder ähnliches, ist das vermutlich schwieriger, weil es recht abstrakt ist und das Umfeld nicht sofort direkten Zugang dazu hat. Wenn Du aber in Deinem Umfeld Menschen hast, die Dein Produkt zweimal am Tag benutzen, ist der Aufwand und die Zeit, die man dort investiert, nachvollziehbar und wird eher unterstützt.

Was habt Ihr für ein Verhältnis zum Risiko?

Als Gründerinnen brauchen wir ein gewisses Maß an Risikobereitschaft, aber das bedeutet nicht naiv zu sein, sondern gut abzuwägen. Ich bin eher risikofreudig und glaube, dass jeder Schritt ein kalkuliertes Risiko ist. Ich ziehe lieber den Spannungsbogen etwas höher. Auch da ergänzen wir uns super, da Marie stärker abwägt und dadurch ein gesundes Level an Risikobereitschaft im Team vorhanden ist.

Glaubst Du, dass man eine Form von Risikobereitschaft auch lernen kann?

Ich glaube, dass das eine Typsache ist, die – in meinem Fall – stark in der Sozialisation verankert ist. Ich komme aus einer sehr unternehmerischen Familie. Mein Opa musste in der Nachkriegszeit auf sich allein gestellt überleben, er hat sich immer Sachen einfallen lassen. Ich kenne seine ganze Geschichte. Er hat z.B. die Koffer von Leuten am Bahnhof durch ganz Lüdenscheid gekarrt und war damit der erste, der sich dieses Geschäftsmodell ausgedacht hat. Sein Erfolgskonzept wurde schnell kopiert und hat viele Nachahmer_innen gefunden. Er hat sich durchgehend, schon als ganz kleines Kind, sein Geld selbst verdient und war dabei unbeschreiblich kreativ. Und das ist er immer noch. Ein echter „selfmade man“.

Und so kenne ich das von all meinen Familienmitgliedern. Da gibt es viele super inspirierende Geschichten, die immer auch mit einer Form von Risikobereitschaft verbunden sind. Diese Risikobereitschaft ist bei mir einfach „drin im System“.

Das Leben ist kurz. Worauf warten wir also? Wenn wir etwas Tolles in die Welt setzen wollen, dann können wir auch ein Risiko eingehen. Mehr als scheitern können wir nicht, und selbst dann werden wir viel daraus lernen. Ich bin durch die Gründung nicht risikobereiter geworden, das lag aber daran, dass ich schon so risikofreudig war. Im Laufe einer Gründung kann man sicherlich lernen, das Risiko besser zu kalkulieren und fühlt sich dann auch wohler damit. Man traut sich, mehr zu riskieren und setzt Dinge dann auch um. Vielleicht ist das dann auch das Freudvolle an der Risikobereitschaft, dass man sich im Verlauf kompetenter im Umgang damit fühlt.

Hast Du neben Deinem Opa noch andere Vorbilder?

Ich habe das größte Glück bzw. es geschafft, mich durch meinen Freundes- und Familienkreis mit super inspirierenden Menschen zu umgeben. Ich kann deshalb nicht ein bis zwei Vorbilder nennen, sondern eher Attribute meiner Mitmenschen, die mir immer wieder vor Augen führen, was ich wirklich wichtig finde. Dazu gehören unter anderem Nahbarkeit und Offenheit, Zuversicht und positiver Aktivismus, Ehrlichkeit und Bescheidenheit, Naturverbundenheit und soziale Kompetenz.

Verantwortungseigentum bedeutet, dass die Eigentümer des Unternehmens zwar Stimm- und Teilhaberechte haben, jedoch nicht am Gewinn teilhaben. Damit soll sichergestellt werden, dass das Unternehmen vorrangig der Verwirklichung des Unternehmenszwecks und nicht dem Gewinnstreben der Anteilseigner dient.

(Quelle: Wikipedia)

Wie seid Ihr das Thema „Finanzierung“ angegangen?

Wir hatten beide kein großes Startkapital. Und bei dem Thema war unsere Risikobereitschaft auch nicht ganz so stark ausgeprägt. Wir hätten nicht zu Beginn einen richtig großen Kredit aufgenommen, selbst wenn wir ihn bekommen hätten. Wir waren uns beide einig, dass wir organisch wachsen wollten. Wenn unser Geschäftsmodell seine Daseinsberechtigung hat, wird es sich etablieren und dann aus sich selbst heraus mit unseren Entscheidungen wachsen, davon waren wir überzeugt.

Und so haben wir das auch umgesetzt und wurden im Verlauf auch in finanzieller Hinsicht risikobereiter. Wir sind mit einem Privatdarlehen von Ulla Schweitzer* gestartet. Damit war die Erstproduktion gewährleistet. Zusätzlich haben wir ein Gründungs-Stipendium bekommen, die „kleine Schwester von EXIST“, das auf Länderebene zugeteilt wird. Wir haben schon kurz nach dem Launch festgestellt: Es läuft, unser Plan geht auf und wir müssen jetzt mehr produzieren, den Vertrieb breiter aufstellen. Marie hat das akribisch durchkalkuliert und mit dem Business Case sind wir dann zur Bank und haben einen KfW-Gründer_innenkredit beantragt.

Parallel dazu haben wir auch eine Finanzierungsrunde aufgemacht und geschaut, ob wir passende Investor_innen finden. Passend in dem Sinne, dass wir kein normales Seed-Investment gesucht haben, so wie man das aus dem VC (Venture Capital)-Bereich kennt. Wir sind ein Unternehmen in Verantwortungseigentum. Die Investor_innen, die bei uns einsteigen wollen, sind herzlich willkommen, vor allem, wenn sie Expertise mitbringen und dasselbe Mindset haben wie wir. Deren Investment hat aber nicht ein unendliches Multiple, d.h. wir streben nicht den schnellstmöglichen Exit an. Für uns kommt aktuell nur ein Exit in Frage und zwar in der Form, dass wir unser Unternehmen sich selber schenken. Das hat z.B. „Einhorn“ aus Berlin in Zusammenarbeit mit der Purpose-Stiftung gemacht.

Wir haben tatsächlich zwei Investoren gefunden, die unter diesen Voraussetzungen eingestiegen sind. Das sind echte „Impact-Investoren“. Das sind richtig coole Leute, die auch auf menschlicher Ebene richtig toll sind. Sie bringen nicht nur Kompetenzen mit, sondern haben auch ein Wertesystem, das sehr gut zu unseren Werten passt. Wenn wir fragen, bekommen wir immer super hilfreiche Inputs. Das hat einen ganz großen Mehrwert geschaffen.

Wir sind zweigleisig gefahren, was die Finanzierung angeht. Mit dem KfW-Kredit, den wir auch bekommen haben, gehen wir selbst ins Risiko, und die Investoren, die wir reingeholt haben, haben ein größeres Risiko als normale VC-Investor_innen. Wir bringen Geld mit, die Investoren bringen Geld mit, beide Seiten sind im Risiko und zusammen machen wir das Unternehmen größer. Das hat bis jetzt sehr gut funktioniert. Dabei haben Marie und ich die Stimmrechte im Unternehmen behalten und können alles entscheiden, sind also nicht fremdbestimmt. Gleichzeitig stehen wir unseren Mitgesellschaftern gegenüber in der Verantwortung und können das Unternehmen selbstverständlich nicht ohne ihr Einverständnis auflösen oder veräußern.

Wie seid Ihr konkret an die Investoren herangekommen, die jetzt bei Euch an Bord sind?

Mein Vater und einer der jetzigen Mitgesellschafter, Rolf Schrömgens, der Gründer von Trivago, waren zusammen auf einer Veranstaltung privater Natur. Dort haben sie sich über „Purpose“ und über Verantwortungseigentum unterhalten. Mein Vater hat ihm von mir erzählt, dass ich ein Startup habe und gerade in Verantwortungseigentum gegründet hatte. Rolf Schrömgens fand das total interessant, weil er darin auch die Zukunft des Unternehmer_innentums sieht. Er hat sich als Sparringspartner angeboten.

Das habe ich dankend angenommen, zumal wir in der Finanzierungsrunde einen anderen Investor gefunden hatten, auch über einen Bekannten, der mit sehr, sehr viel mehr Geld eingestiegen wäre, im Gegenzug aber auch sehr viel mehr Anteile haben wollte. Dieser hätte sich auch nicht auf das Konzept des Verantwortungseigentums eingelassen.

Die Finanzierungsrunde war für mich nervlich gesehen der spannendste Teil unserer bisherigen Gründungsgeschichte, weil wir uns so intensiv mit dem Purpose-Gedanken auseinandergesetzt haben. Das ist ein komplexes und sehr herausforderndes Thema. Insofern war ich für das Angebot des Sparrings von Rolf sehr dankbar.

In diesem ersten Gespräch habe ich mich emotional total „nackig“ gemacht. Wir haben direkt auf Augenhöhe gesprochen, ich habe ihm offen gesagt, welche Zweifel ich habe, was an welchen Stellen schwierig für mich ist, was ich gerade gelernt habe, was ich noch besser verstehen will. Das war ein ganz nahes, intensives Gespräch, an dessen Ende er gesagt hat, dass er gerne mit einsteigen würde, wenn wir noch ein Ticket hätten.

Es ging in dem Gespräch gar nicht um das Unternehmen, sondern um die Menschen. Das habe ich wirklich oft gehört, dass sich Investor_innen die Gründer_innen sehr genau ansehen. Mir war in dem Gespräch gar nicht klar, dass ich da gerade pitche. Diese Ehrlichkeit, die Authentizität und auf Augenhöhe sein, das hat einfach gut geklappt für beide Seiten.

Im Anschluss hat er seinen Bekannten und unseren Co-Investor Wilfried Gillrath, den Gründer von LichtBlick, auf uns aufmerksam gemacht, und Wilfried ist auch mit eingestiegen, weil er – ähnlich wie Rolf – von uns und dem Produkt überzeugt ist. Und damit haben wir ein Knaller-Team. Ich hätte es mir nicht besser wünschen können. Das weiß ich wirklich sehr zu schätzen.

Wir hatten gerade eine schwierige Zeit im Unternehmen, krankheitsbedingt ein paar Ausfälle, und ich habe gemerkt, dass ich jetzt einfach einen Coach brauche. Jemanden mit Weitblick und mit Erfahrungen, die meine Erfahrungen übersteigen, und da hat Wilfried sich als Sparringspartner auf Augenhöhe angeboten. Auch uns eint dasselbe Wertesystem, ich kann mich einfach auf ihn verlassen.

Du willst ebenfalls die Welt ein Stückchen verbessern und ein Unternehmen mit Impact gründen?

Dann melde Dich jetzt bei unseren Startup-Manager_innen, die Dich darin unterstützen, Deinen Traum zu verwirklichen.

Ihr habt im Team gegründet, findet Expertise von außen extrem wichtig und seid an die Investoren über Kontakte gekommen. Netzwerke sind also essentiell, oder?

Die besten Umsetzungen unserer verschiedenen Ideen basierte immer auch auf Netzwerk-Input. Auch Resilienz (Widerstandsfähigkeit) im ökonomischen und im sozialen Sinne gibt es nur durch ein Netzwerk. Ohne Verbindungen keine Resilienz. Das ist ein allgemeingültiges, systemisches Konzept. Das hat sich sowohl in der Natur als auch in der menschlichen Kultur so etabliert, und das merke ich jeden Tag. Ohne Netzwerk läuft hier nichts. Der digitale Austausch kann in meinen Augen hier auch nur bedingt weiterhelfen. Deshalb freue ich mich auch, wenn wir hoffentlich bald wieder ins echte Leben „umschalten“ können.

Du bist Mutter von zwei Kindern. Wie definierst und bewertest Du die Balance zwischen Familienleben, Unternehmen und Deinen eigenen Bedürfnissen?

In den Zeiten des Lockdowns fand ich es sehr herausfordernd. Das würde ich vermutlich auch nicht ein zweites Mal so hinbekommen. Da habe ich bis spät in die Nacht gearbeitet, um tagsüber mit den Kindern zusammen sein zu können. Das rädert einfach und ist gesundheitlich auch nicht tragbar. So sehr ich mein Unternehmen und meine Kinder liebe – ohne meine eigene Gesundheit läuft gar nichts. Das ist für mich ein totaler Lernprozess, dass ich auch mich selber achtsam und wohlwollend behandele. Mit meiner Umwelt kriege ich das bisher besser hin als mit meinen eigenen Bedürfnissen. Der Gedankengang: „Wenn es meinen Kindern gut geht und das Unternehmen gut läuft, dann geht es automatisch auch mir gut“, ist nicht wirklich vollständig. Denn da ist auch die Komponente der Selbstfürsorge, die man sowohl als Mutter als auch als Unternehmer_in versuchen sollte, zu wahren.

Als Mutter bin ich doch sehr viel „fremdbestimmt“, um damit gesund umzugehen, brauche ich auch hier wieder ein Netzwerk. Bei mir ist das familiäre Netzwerk vor Ort nicht sehr ausgeprägt, deshalb puffern wir viel über unsere vierköpfige Familie, aber auch im Netzwerk und in der Gemeinschaft mit der Nachbarschaft ab. Wir helfen uns viel gegenseitig. Ich kenne hier bei mir im Haus, im „anonymen“ Berlin, so gut wie jede Person. Gefühlt sind die Hälfte davon Freund_innen, Leute, die ich mag und auf die ich mich verlassen kann. Das muss man sich aufbauen und auch Zeit investieren.

Ich musste auch lernen, mir meiner eigenen Bedürfnisse rechtzeitig bewusst zu werden sowie mein Arbeitspensum nach außen offenzulegen, also kommunizieren, was alles ansteht. Ganz viele Mütter sind so stark, denen sieht man von außen gar nicht an, dass sie am Limit sind. In der Partnerschaft müssen wir immer wieder schauen, ob der Workload gut und passend aufgeteilt ist. Es ändert sich nun mal nichts, wenn man nicht den Mund aufmacht und darüber spricht.

Worauf seid Ihr in Bezug auf „teethlovers“ besonders stolz? Was waren bis jetzt die größten Erfolge für Euch?

Ich bin besonders stolz auf die Beziehung zu Marie. Ich habe oft gehört, dass die meisten Gründungen an den Teams scheitern. Wir haben jetzt schon so viele Jahre miteinander auf dem Buckel und dabei natürlich auch Konflikte und Reibungen und sind nicht immer einer Meinung. Dabei haben wir stetig an unserer Beziehung gearbeitet, eine Streitkultur miteinander aufgebaut und sind zusammen durch Tiefen gegangen. Die Tiefpunkte haben wir im Nachgang gemeinsam evaluiert, sie aus der Emotionalität auf die Sachebene gehoben, da ist Marie sehr stark drin, und haben zusammen geschaut, wie wir es das nächste Mal besser machen können. Für solche Gespräche nutzen wir auch bewusst gewaltfreie Kommunikation.

Die Konflikte hören trotzdem, wie in fast jeder andauernden Partnerschaft, auch bei uns nicht auf. Die Themen werden komplexer, die Risiken und Entscheidungen werden größer, wir lernen aber einen besseren Umgang damit. Unsere Anker sind, verständnisvoll zu sein und gemeinsam lösungsorientiert zu denken und zu handeln. Das ist schon fast eine eheähnliche Beziehung (lacht). Wir waren und sind immer bereit, an uns zu arbeiten und haben uns aneinander und miteinander persönlich weiterentwickelt.

Was uns zudem unbeschreiblich beflügelt, ist das regelmäßige Feedback unserer Kundschaft. Vor allem Kund_innen, denen wir helfen konnten, ihre gesundheitlichen Probleme zu bewältigen und die damit ihren Leidensdruck los sind, sind unglaublich dankbar und feiern unsere Produkte. Mit unserem Zahnpulver konnten schon viele ihre Lebensqualität merklich steigern.

Als Mama macht es mich auch immens glücklich, wenn uns der Kundenkreis mit Kindern das Feedback gibt, dass Zähneputzen mit den Kleinen endlich keine Tortur mehr ist, sondern Spaß macht. Auch aus den Praxen der Zahnärzte und Zahnärztinnen bekommen wir tolle Rückmeldungen. Das ist auf fachlicher Ebene sicher der größte Erfolg.

Kindern gefällt es, wenn das Zähneputzen endlich schmeckt.

Welchen herausfordernden Ereignissen standet Ihr während der Gründung und seitdem gegenüber, und wie habt Ihr diese gemeistert?

Wir sind ein plastikfreies Unternehmen. Verpackung ist ein Thema, das grenzenlos scheint. Da haben wir auch schon Rückschritte hinnehmen müssen. So wollten wir kompostierbare Refillbags (Nachfüllbeutel) anbieten. Wir sind damit auch auf den Markt gegangen, mussten diese Nachfüllbeutel aber wieder vom Markt nehmen, da unser Produkt darin nicht dauerhaft haltbar war und auch der Geschmack nach und nach verloren ging. Dafür haben wir jetzt Vorratsgläser im Sortiment.

Auch plastikfreie Proben sind super schwierig. Das verursacht uns richtig Schmerzen, weil wir nicht den Quick-Fix und die schon vorhandene Plastiklösung nutzen, sondern langwierig und auf eigene Faust nachhaltige Lösungen erarbeiten müssen. Dadurch verzögern sich die Markteinführungen unserer neuen Produkte.

Welche Schritte stehen jetzt als nächstes für Euch an? Wo wollt Ihr in der nächsten Zeit hin mit „teethlovers“?

Für 2022 haben wir zwei größere Themen auf der Agenda: Wir wollen uns vertrieblich breiter aufstellen und unsere Produkte in den ersten Bio-Supermarktketten anbieten. Da gehen wir gerade in den Kontakt, um offline noch besser verfügbar zu sein. Und wir werden unser Produktsortiment unter anderem um Mundziehöle zur Förderung der Mundgesundheit erweitern.

Würdest Du sagen, dass die Gründung und das Führen eines Unternehmens Dich in Deiner Persönlichkeit und Deinem Verhalten verändert hat? Wenn ja, wie?

Ich habe meine eigenen Stärken mehr zu schätzen gelernt und meine Schwäche viel mehr zu spüren bekommen. Ich musste gezwungenermaßen an mir arbeiten und habe meine Persönlichkeit hoffentlich zum Besseren weiterentwickelt. Für mich fühlt sich das so an. Das ist ein Prozess, der nie aufhört und ein schöner Weg. Ich übernehme viel Verantwortung, wir haben jetzt auch Angestellte. Man muss über sich selbst hinauswachsen und mit sich selbst weiterwachsen, so kann man das wohl beschreiben. Das Gründen hat etwas mit mir gemacht, aber ich glaube nicht, dass es meine Persönlichkeit verändert hat, eher verstärkt und immer mal wieder leicht optimiert.

War es die richtige Entscheidung zu gründen?

Ja, das war die einzige Entscheidung, die ich für mein Leben hätte treffen können. Ich habe nie daran gezweifelt, denn das passt komplett in mein Leben, was Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit angeht. Ich habe mich schon immer gerne engagiert, ich wäre auch gerne politisch noch aktiver, doch je höher man kommt, z.B. in Gremien, desto langsamer mahlen die Mühlen. Ich bin als Unternehmerin viel schneller und direkter wirksam als im politischen Bereich. Das fühlt sich gut an, hier meine Energie zu investieren, Alternativen zu schaffen, auf die andere aufbauen können und es noch besser zu machen. Im Austausch zu sein mit Leuten, die die Wirtschaft gestalten. Wirtschaft ist ja der Handel unter uns allen, der Austausch von Energieströmen. Da mitzuwirken, das ist super wichtig und spannend für mich.

Was würdest Du heute anders machen?

Ich mache jetzt einiges anders als vorher, aber ich bereue nichts und würde auch nichts aus der Vergangenheit anders haben wollen. Es gibt auf jeden Fall Themen, über die ich nächtelang gegrübelt habe, anstelle mir einfach Expertise bei Mitmenschen von außen zu holen, die mir viel schneller geholfen hätten. Da habe ich definitiv meine Ressourcen verschwendet. Das war alles genau richtig so, auch wenn es teilweise falsch war, ich habe immer daraus gelernt (lacht).

Welche Eigenschaften sind für Gründer_innen in Deinen Augen am wichtigsten?

Es gibt introvertierte und extrovertierte Gründer_innen. Ich glaube nicht, dass es einen bestimmten Persönlichkeitstypen gibt. Vor allem, weil man in einem diversen Team mit verschiedenen Persönlichkeiten immer mehr erreicht: „Together everyone achieves more“.

Als Basis für das Gründer_innendasein hilft es aber sicher, eine optimistische Persönlichkeit zu sein. Also zu versuchen, sich in eine positive Zukunft hineinzuarbeiten. Ein zuversichtliches Zukunftsbild ist wichtig, um einen positiven, inneren Drive zu haben. In meinem Fall hilft es mir sehr, dass ich eine sehr leidenschaftliche, motivierte und motivierbare Person bin. In mir kann man sehr schnell ein Feuer zünden. Wenn ich von etwas begeistert bin, habe ich einen fast unaufhaltsamen Drang, mitzuwirken, das hilft total. Auch der Wunsch nach Wirksamkeit ist sehr wichtig, man hat als Unternehmer_in in den meisten Fällen ein größeres Wirkungsspektrum als in der Festanstellung und sollte das auch wollen.

Hast Du daneben noch Gedanken oder Tipps, die Du mit potenziellen Gründer_innen teilen möchtest?

Meine Freundin Christiane Sieg, die mit einem Berliner Unverpackt-Laden selbständig ist, hat mir einen tollen Tipp mitgegeben: Immer alles sofort erledigen. Alles, was auf den Tisch kommt, sofort bearbeiten, denn das Eintrudeln der To-Dos hört nicht auf. Wenn man zu viel aufschiebt, kommt man irgendwann nicht mehr hinterher. Klar muss man seine Prioritäten und seinen Fokus gut setzen, aber bestimmte Aufgaben, die erledigt werden müssen, darf man einfach nicht zu lange vor sich herschieben. Mit jedem Wachstumsschritt wird das Pensum an Aufgaben auch viel größer. Es ist also besser, sich von Anfang an dahingehend zu disziplinieren und den passenden Fokus zu setzen. Mit einem wachsenden Team kann man dann zum Glück auch delegieren.

Und Durchhaltevermögen ist für mich essentiell. Es kommen immer Durststrecken und da muss man an seine Idee glauben und daran festhalten. Und gleichzeitig ist es auch sehr wichtig, dass man für Kritik offen ist, weil es oft so ist, dass die größten Kritiker_innen Sichtweisen einbringen, die einem weiterhelfen können. Man sollte sich die Kritik zumindest anhören, damit man diese verschiedenen Perspektiven bei seiner Entscheidungsfindung mitberücksichtigen kann. Meist gibt es einen validen Punkt in der Kritik, den man selber nicht gesehen hat. Man kann schon auch betriebsblind werden, glaube ich, gerade, wenn man sehr überzeugt von seiner Idee ist und in seinem stillen Kämmerchen sitzt und nicht in den Austausch und ins Sparring geht, kann es eben passieren, dass man bestimmte Aspekte nicht mitberücksichtigt.

Und damit wäre ich beim letzten Rat: Um sich kritische Stimmen einzuholen, muss man im Kontakt sein mit dem Markt, mit den potentiellen Kund_innen. Sobald man also eine Idee hat, selbst wenn diese nicht ausgereift ist, sollte man diese schon in die Welt setzen und die Reaktionen analysieren. So früh wie möglich rausgehen und keine Angst haben, dass jemand das nachmachen könnte, sondern eher prüfen, ob es für die Idee / das Produkt überhaupt einen Markt gibt. Durch so ein Vorgehen sieht man dann recht schnell, ob es Leute gibt, die die Idee unterstützen und oft kommen durch so einen Austausch auch Synergien zustande.

Liebe Alex, ganz herzlichen Dank, dass wir einen Einblick in Eure interessante Gründungsstory erhalten durften! Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg, Spaß und weitere spannende Insights auf Eurem Weg!

*Über Ulla Schweitzer und ihre Beweggründe, die „teethlovers“ mit einem Privatdarlehen zu Beginn ihrer Gründung zu unterstützen, erfahrt ihr mehr am Ende des zweiten Teils des Interviews mit Marie, das am 2. Mai erscheinen wird. Freut Euch auf spannende „insights“ einer Privatinvestorin!

Das Interview führte Dr. Daniela Bravin.

hello@jadestartupbox.de


So erreichst Du die Teethlovers

Ansprechpartnerin: Alexandra Petrikat

Jetzt Gründungsberatung buchen!

Spreche mit unseren Startup-Manager_innen über Deine Gründungsidee.
X
X