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#outofherbox | Interview mit Angelika Reichelt von

Reichelt Elektronik

Ohne Mut passiert gar nichts.

Angelika Reichelt

Reichelt Elektronik ist ein Elektronik- und Computertechnikversandhaus mit Sitz in Sande, das 1969 in Wilhelmshaven von Angelika Reichelt und ihrem damaligen Mann gegründet wurde. 1990 wurde Angelika Reichelt alleinige Inhaberin von Reichelt Elektronik.
2010 veräußerte Frau Reichelt das Unternehmen an die Dätwyler Holding AG und zog sich aus der Unternehmensleitung zurück.
Wir wollten von Frau Reichelt wissen, wie sich der Weg von der Gründung in ihrer Privatwohnung über die Phasen des Wachstums bis zum Verkauf gestaltet und welche Erfahrungen sie in diesem Prozess gemacht hat.
Trotz herausfordernder Startbedingungen und eines nicht immer einfachen Umfeldes ist Angelika Reichelt ihren Weg gegangen. Wie sie die Finanzierung des Unternehmens angegangen ist, später unablässig Prozesse optimiert hat und welche Rolle Mut, Risikobereitschaft und Teamgeist als Unternehmerin spielen, erfährst Du in dem Interview.
Lass‘ Dich von einer erfolgreichen und erfahrenen Gründerin inspirieren!

Liebe Frau Reichelt, stellen Sie sich doch einmal vor und erzählen Sie uns etwas über Ihren persönlichen Werdegang.

Ich bin Angelika Reichelt, in zweiter Ehe verheiratet und habe zwei erwachsene Töchter. Ich bin die jüngste von vier Kindern. Mein Vater war im Krieg und kam erst spät aus der Gefangenschaft zurück. Meine Mutter wurde während des Krieges evakuiert, da sie zweimal in Wilhelmshaven ausgebombt wurde. Als meine Mutter mit uns vier Kindern zurück nach Wilhelmshaven kam, hatten wir keine Wohnung, wir wurden in den Kasernen „Gökerstraße“ untergebracht. In meiner Schule „Kirchreihe“ gab es drei Arten von Kindern, die Kinder aus dem Villenviertel, die aus den Kasernen und die Kinder aus den Baracken. Meine Eltern wollten nicht, dass ich auf eine höhere Schule ging, obwohl sich mein Klassenlehrer sehr dafür eingesetzte und in einem Gespräch versuchte, meine Eltern von dieser für mich wichtigen Schulveränderung zu überzeugen. Ich hatte zwar nach Abschluss der Volksschule einen Schulplatz in der Handelsschule; da ich jedoch gleichzeitig einen Ausbildungsplatz im Bereich Großhandel bekam, durfte ich die Handelsschule nicht besuchen. Das Geld war knapp, und meine Eltern waren der Meinung, dass sich eine höhere Schulbildung nicht lohnt, da Mädchen sowieso heiraten. Für einen Jungen hätten sie sich krummgelegt, aber für ein Mädchen war das nicht nötig. Und das Schlimme war: Ich habe meinen Eltern geglaubt und mit 19 Jahren geheiratet. Ich werfe meinen Eltern dieses Verhalten nicht vor.

Sie wussten es nicht besser, doch für die heutige Generation ist das vermutlich schwer vorstellbar. Damals war diese Sichtweise normal.

Angelika Reichelt

Wie haben wir uns die Anfänge von Reichelt Elektronik vorzustellen?

Mein damaliger Mann und ich hatten einem befreundeten Ehepaar unsere Ersparnisse von 1000 DM (ca. 500€) geliehen, da diese das Geld dringend benötigten. Als wir nach einem Jahr das Darlehen zurück bekamen, haben wir lange überlegt, wie wir dieses Geld vernünftig verwenden. Eigentlich wollten wir eine Zeltausrüstung kaufen, aber dafür reichte dieser Betrag nicht. Mein Mann, der Radio- und Fernsehtechniker war, hatte die Idee, neu am Markt angebotenen Antennen-verstärker zu vertreiben, die deutlich günstiger waren als das führende Produkt. Diese kosteten ca. ein Drittel. Wir haben für 500 DM diese neuen Antennenverstärker gekauft und die anderen 500 DM in eine Anzeige in einer Fachzeitschrift für Elektronik investiert.

Für uns war es eher eine Gründung im Nebenerwerb. Mein Mann hatte sich auch für eine Anstellung als Lehrlingsausbilder beworben. Als er hierfür eine Zusage bekam, begann das Geschäft gerade anzulaufen. Nach langen Überlegungen, haben wir uns für den Ausbau des Versandes und damit für das Unternehmen entschieden.

Ich war Hausfrau mit zwei kleinen Kindern, wir wohnten in einer Wohnung in Wilhelmshaven; und ich war froh, nun doch stundenweise den kaufmännischen Teil des Unternehmens übernehmen zu können. Die Anfänge waren sehr bescheiden, die Geschäftsausstattung bestand aus einer Reiseschreibmaschine, einem Stempel, einem Telefon und einer Küchenwaage. Auf der Reiseschreibmaschine wurden die Rechnungen und die Preislisten geschrieben. Für die Kartonagen sorgte ein Nachbar, der eine Drogerie betrieb und uns die Kartons, in denen er seine Ware bekam, überließ. Wir hatten nur einen kleinen finanziellen Rahmen. Nach einem halben Jahr gab es einen Moment, in dem wir überlegten, wieder aufzugeben. Wir steckten jeden Cent, der über war, in neue Ware. Doch genau in diesem Moment zog das Geschäft an. Nach und nach erweiterten wir unser Lieferprogramm um Transistoren, die uns von dem Lieferanten der Antennenverstärker angeboten wurden. Wir suchten uns weitere Lieferanten und konnten sowohl das Portfolio als auch den Umsatz erweitern.

Sie haben sich in Bezug auf die Räumlichkeiten immer wieder verändert und somit dem Wachstum angepasst.

Ja – von der Wohnung ging es in ein Einfamilienhaus, in dem wir später den Keller, die Garage und den Dachboden voll mit Ware und Kartonagen hatten. Von dort ging es in eine Kombination von Einfamilienhaus mit angegliederten Geschäftsräumen, danach ging es in ein Geschäftshaus mit 750qm Büro- und Lagerfläche in der westlichen Marktstraße.

Es ging immer nur Schritt für Schritt, doch jeder dieser Schritte war für uns groß. Einige Leute um uns haben gedacht, wir wären verrückt. Das Lebensziel meiner Eltern für mich war, dass ich die Stelle meines Vaters in der Verwaltung bei der Polizei nach seiner Pension übernehmen würde. Aber ich wurde, obwohl ich anfangs eher eine Bremse in Bezug auf unsere Fima war, immer mutiger und trug alle Entscheidungen mit. Zu jeder Unternehmung gehört natürlich auch ein bisschen Glück, und so sind wir nie in ernsthafte Krisen mit unserem Unternehmen gekommen.

Wie sind Sie das Thema Finanzierung/Kapitalbeschaffung angegangen?

Von den 1000 DM Startkapital habe ich ja bereits berichtet. Zu Beginn haben wir die Ware aus den Erträgen gekauft; später haben wir es immer geschafft, mit einem Dispokredit auszukommen. Kredite wurden grundsätzlich nur für den Kauf von Immobilien aufgenommen. Die erste Million DM Umsatz (500 T€) haben wir zu zweit erwirtschaftet; damals bekamen wir von unserem Hauptlieferanten rückwirkend eine hohe Dividende. Als wir auf einen Schlag eine große Summe Ertrag auf unserem Geschäftskonto hatten, war das schon ein tolles Gefühl.

Reichelt Elektronik

1990 haben Sie das Unternehmen vollständig übernommen und waren von da an alleinige Inhaberin. Wie kam es dazu?

Mein geschiedener Mann hatte nach über 20 Jahren keine Freude mehr an dem Wachstum und den Herausforderungen, die mit dem Unternehmen verbunden waren. Durch berufliche und private Differenzen, die sich nicht beheben ließen, wurde eine Trennung unvermeidlich. Da meine Töchter inzwischen auf eigenen Füßen standen, war für mich die Arbeit im Betrieb das Wichtigste.

Einer unserer Lieferanten war an dem Unternehmen interessiert und gab ein entsprechendes Kaufangebot ab. Für mich wäre es sehr schwer gewesen, in fremde Hände zu geben, was ich mit aufgebaut hatte. So erklärte ich meinem Mann, dass auch ich an dem Kauf des Betriebes interessiert war. Das war schon ein großer Schritt für mich: Keine Ahnung von Elektronik, keine vernünftige Warenlogistik, kein Controlling, kein Marketing, so gut wie keine Öffentlichkeitsarbeit.

Meine Eltern waren sehr gegen meinen Entschluss, und ich hätte für diese Entscheidung von ihnen keinerlei finanzielle Unterstützung erhalten. Doch ich hatte mich entschieden, habe die Ärmel hochgekrempelt und angepackt. Durch die Auszahlung an meinen Mann musste ich mich für die damaligen Verhältnisse verschulden, obwohl ich auf privates Vermögen verzichtet habe.

Außerdem musste der Kredit für das von uns gekaufte Teileigentum des Geschäftshauses in der Marktstraße noch komplett getilgt werden.

Welches Verhältnis haben Sie zum Risiko?

Ich besitze schon ein sehr hohes Maß an Risikobereitschaft, aber das war nicht immer so. Es hat sich stets weiterentwickelt. Außerdem gehört dazu, sich auch mal gegen das eigene Sicherheitsgefühl aus dem Fenster zu lehnen. Ich bin mit der Zeit immer höhere Risiken eingegangen. Mit kurzfristigen, mutigen Entscheidungen konnte ich auch langjährige Mitarbeiter verblüffen, indem ich erklärte: „Wir machen das jetzt so, wir versuchen es, lasst es uns wagen!“ Diese Entscheidungsfreudigkeit finde ich sehr wichtig: Lieber mal eine falsche als gar keine Entscheidung. Falsche Entscheidungen können korrigiert werden. Aus meinem Elternhaus habe ich diese Eigenschaft nicht mitbekommen. Aber mit dem Erfolg wächst auch der Mut; das ist ein Prozess. Ohne Mut passiert gar nichts.

Wie haben die Mitarbeitenden auf diese Veränderung reagiert? Wurden Sie unterstützt?

Hier möchte ich – stellvertretend für ganz viele – zwei Menschen herausgreifen, die besonders wichtig für mich waren: Zum einem Ulf Timmermann, heute Geschäftsführer bei Reichelt Elektronik und Friedel Grunwald, damals Leiter Einkauf, heute im Ruhestand. Ich habe von beiden große Unterstützung erfahren.

Ulf Timmermann hat zu unserem Umzug nach Sande ein elektronisch unterstütztes Förderband für den Versand vorgeschlagen, dessen Anschaffung eigentlich eine Nummer zu groß für uns war.

Er hat jedoch nicht lockergelassen, und wir haben uns aus Kostengründen dafür entschieden, die Programmierung selber zu übernehmen. Ulf Timmermann hat zu Hause in seinem Schlafzimmer den Prototypen mit einer Minitrix-Modell-Eisenbahn aufgebaut, und er hat die Programmierung alleine durchgeführt. Diese Entscheidung war natürlich schon ein außerordentliches Wagnis, und wir hatten mit einigen Rückschlägen zu kämpfen, aber diese inzwischen immer wieder verbesserte Weiterentwicklung läuft heute noch bei Reichelt Elektronik.

Auch mein jetziger Mann, der später ebenfalls im Unternehmen arbeitete, hat sehr dazu beigetragen, dass wir an vielen Stellen professioneller wurden. Er hat Ordnung in die bürokratisch erforderlichen, aber nervigen Aufgaben gebracht. Auch wenn er uns dadurch so manches Mal ausgebremst hat, war dieser Weg doch der Richtige. Mein Mann hat mir jederzeit sehr den Rücken gestärkt. Wir waren und sind noch heute ein gutes Team.

Natürlich gab es zu Anfang sehr viel Skepsis von Seiten der Mitarbeiter_innen.

Es gab einige, die sich nicht gerne von einer Frau etwas sagen lassen wollten. Es gab auch Mitarbeiter, die meinten, nicht mit einer Frau zusammen arbeiten zu können. Durch das Einbeziehen von Mitarbeiter_innen in Problemlösungen fand ich jedoch Unterstützung von vielen Seiten. Meine Zielsetzung war eigentlich nur: „Ich will es einfach nur schaffen, das Unternehmen am Leben zu halten.“ Teamgeist war mir dabei immer sehr wichtig.

Team von Reichelt Elektronik

Wie haben Sie nach dem Kauf die internen Prozesse organisiert? Es bestand ja durchaus auch die Gefahr, dass Wissen und Kompetenzen verloren gehen.

Mein geschiedener Mann hatte über die Jahre schon einige wichtige Themen wie den Einkauf und die Erstellung von Anzeigen und des Kataloges an Mitarbeiter­_innen weitergegeben. Außerdem hat uns der technische Fortschritt bei dem Übergang sehr geholfen. Uns kam zugute, dass wir uns intern immer am Puls der Zeit aufgestellt haben; wir waren immer auf dem neuesten Stand der Technik.

Die Reiseschreibmaschine war längst abgelöst durch einen Rechenautomaten, wir haben Computer angeschafft und waren mit die ersten, die auf Netzwerktechnik umgestellt haben.

Ich kaufte auch im kaufmännischen Bereich neue Programme für die Buchhaltung und Lohnbuchhaltung und war Anfang der 90er Jahre besser aufgestellt als mein Steuerberater.

Im zweiten Bauabschnitt der Versandhalle in Sande bauten wir ein Hochregallager mit vollautomatischer Paletten- und Kleinteilekommission sowie eine vollautomatische Versandstraße. Alle der gekauften Prozessabläufe wurden von uns an unser System angebunden und in der Regel verbessert. Nachdem mein geschiedener Mann aus dem Betrieb ausgestiegen war, habe ich meine Aufgaben, die ausschließlich die Verwaltung und Buchhaltung betrafen, abgegeben und bin mehr und mehr in den Versand und die Logistik reingewachsen. So entwickelte ich mich zu einer echten Vollblutlogistikerin.

Können Sie uns dazu Näheres verraten?

Ich war schon immer gut organisiert, auch im kaufmännischen Bereich und in der Verwaltung, für mich war es selbstverständlich, immer mit wenig Aufwand viel zu erreichen. Durch diese Gabe gepaart mit der Programmierung von Ulf Timmermann haben wir den Versand neu aufgestellt und immer wieder verbessert. Oftmals waren das vermeintlich kleine Optimierungen die aber einen großen Effekt hatten.

Das hört sich danach an, dass Sie intuitiv die Philosophie der kontinuierlichen Verbesserung in die Logistik Ihres Unternehmens getragen haben.

Ja, dafür entwickelte ich ein Faible. Bei der Beobachtung von Arbeitsabläufen im Versand vor Ort stellte ich fest, dass man bestimmte Entscheidungen, die auf den immer gleichen Vorgaben beruhen, auch von IT-Programmen treffen lassen kann. Hierzu gehören natürlich versierte  Mitarbeiter_innen in der hauseigenen Programmierung. Ebenso haben wir im Versand durch einfache Prozessverbesserungen wie optimierte Palettenstellplätze für Schnellläufer für Entlastung der laufenden Prozesse gesorgt. Die Wegezeiten der Kommissionierer_innen bei der Zusammenstellung der Aufträge haben wir reduzieren können, indem mehrere Aufträge zusammengefasst und gleichzeitig kommissioniert wurden. Solche Veränderungen kann man nicht am Schreibtisch entscheiden, das geht nur vor Ort. Viele Arbeitsgänge habe ich selber ausprobiert und war dabei immer sehr detaillorientiert. So kam es oft zu unkonventionellen Lösungen. Ich war eigentlich immer eine sehr unkonventionelle Unternehmerin.

Sie sind nie zufrieden, oder? Es gibt immer etwas, das noch verbessert werden kann.

Genau; aufgrund eines Unternehmerpreises, den ich gewonnen habe, hatten wir ein Fernsehteam im Haus. In der Reportage fiel der Satz: „Gut – ist Angelika Reichelt noch längst nicht gut genug.“

War das Unternehmen manchmal auch eine Bürde für Sie, oder hat es Ihnen immer Spaß gemacht?

Natürlich gab es Momente oder Tage, an denen ich sagte: „Wenn jetzt jemand mit einem Sack voll Geld vor der Tür steht, verkaufe ich sofort.“ Auslöser hierfür waren häufig zwischenmenschliche Enttäuschungen oder auch Betrugsfälle, die mich beschäftigt haben. Einige, wenige Fälle sind auch vor dem Arbeitsgericht gelandet; und so etwas habe ich leider immer sehr persönlich genommen.

Aber das gehört zum Unternehmertum dazu. Im Großen und Ganzen hat mir die Arbeit im Betrieb immer sehr viel Spaß und Freude bereitet.

Was sind Ihre Stärken?

Mir wurde erst sehr spät bewusst, dass ich doch mehr konnte als viele andere. Ich hatte gewisse Anlagen, die für mich jedoch selbstverständlich waren. Ich kann sehr gut mit Zahlen und mit Finanzen umgehen, gut Prozesse und Prozessketten erkennen. Nach meiner Ausbildung habe ich lediglich für drei Dinge Unterricht genommen, das sind Autofahren, Golf und Klavier spielen. Und diese Dinge sind nicht meine Stärken. In alle anderen Dinge bin ich hereingewachsen und habe mir das eine oder andere selbst beigebracht.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Als ich den Betrieb von meinem geschiedenen Mann übernommen habe, hatten wir 20 fest angestellte Mitarbeiter_innen und 50 geringfügig beschäftigte Frauen. Viele dieser Frauen konnte ich überreden, in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu wechseln. Geringfügig Beschäftigte wurden nicht mehr eingestellt.  20 Jahre später habe ich das Unternehmen mit 220 fest angestellten Mitarbeiter_innen verkauft. Noch heute bin ich eine Kritikerin dieser geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse. Fest angestellte Mitarbeiter_innen entwickeln ein ganz anderes Zugehörigkeitsgefühl zum Betrieb und bringen mehr Stabilität in das Unternehmen. Außerdem war es mir immer wichtig, nah am Menschen dran zu sein, nur so bekommt man auch einen Eindruck über die geleistete Arbeit der Personen.

Viele dieser Frauen, die nach der Kinderpause bei uns anfingen, wurden gefördert und alle Frauen, die in leitenden Positionen arbeiteten, haben bei uns als Kommissionierinnen angefangen. Unsere Auszubildenden sind nahezu alle bei uns geblieben und arbeiten heute noch dort; wir hatten viele tolle Leute.

Im Laufe der Jahre habe ich einige Preise gewonnen:

Den ersten Unternehmerpreis der Region – und das als erste Frau, den 1. Mutmacherpreis des Landes Niedersachsen und den 2. Mutmacherpreis der Bundesrepublik Deutschland, das Verdienstkreuz des Landes Niedersachsen und – ebenfalls als erste Frau – das Ehrenschild der Stadt Wilhelmshaven.

Generell bin ich jedoch stolz auf die gesamte Entwicklung des Unternehmens. Sicher habe ich nicht alles, aber auch sehr viel richtiggemacht und entschieden. Ich hatte immer ein sehr gutes Bauchgefühl, da konnte ich mich drauf verlassen. Damit konnte ich Mitarbeiter_innen aber auch Verhandlungspartner_innen verblüffen. Hin und wieder wurden innerhalb einer Viertelstunde die Verhandlungen komplett gedreht, indem ich während dieser Zeit sich widersprechende Aussagen getroffen habe. Am Ende fiel die Entscheidung dann genauso, wie ich es vorher wollte.

Angelika Reichelt (rechts), Geschäftsführerin der Reichelt Elektronik, wird der Mutmacherpreis von Jurorin Prof. Dr. Gertrud Höhler überreicht. (Bild: Vogel Business Media)

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Sie haben also durchaus auch mal gepokert?

Da bin ich ziemlich gut drin. Wir verhandelten in einer reinen Männerdomäne, da musste ich mich schon als Frau behaupten, sowohl bei neuen Lieferant_innen, Ansprechpartner_innen bei Banken und auch bei Betriebsprüfungen. Respekt konnte ich mir immer bei Führungen durch den Betrieb verschaffen, weil ich dort über alle Betriebsabläufe Bescheid wusste.

2010 haben Sie die Firma verkauft und sind ausgestiegen. Wie kam es dazu?

Über die Jahre hinweg gab es immer wieder Anfragen in dieser Art, die wir jedoch immer abgelehnt haben. Anfang 2010 erreichte ich die Ruhestandsgrenze von 65 Jahren und familiäre Nachfolge war nicht in Sicht. Außerdem standen bereits wieder Investitionen wie ein Neubau und eine zusätzliche Hochregaltrasse an. Zu Beginn der Übernahme hatte ich immer gesagt, dass ich das nur für 5 Jahre mache – aber inzwischen waren es 20 Jahre als eigenständige Unternehmerin geworden. Als dann Ende 2009 die Dätwyler Holding AG auf uns zukam, die bereits früher Interesse an unserem Unternehmen gezeigt hat, wurden wir uns sehr schnell einig.

Wie ging es Ihnen damit?

Die Entscheidung war getroffen, ich wurde 65 und es war an der Zeit, für eine Nachfolge zu sorgen.

Ein Betrieb mit 220 Mitarbeiter_innen kann nicht einfach aufgegeben werden. Auch machte die rasante Entwicklung der Technik, die wir verkauften, das Geschäft nicht leichter, die Margen wurden kleiner und viele Unternehmen stürzten sich auf PC-Technik, das Internet und auf den Versandhandel. Wichtig war für mich, dass alle Verträge mit meinen Mitarbeiter_innen ohne Änderungen übernommen wurden. Nachdem wir den Übergang des Betriebes noch fünf Monate begleiteten, hatten wir genügend Abstand gewonnen und konnten uns guten Herzens von allen Mitarbeiter_innen persönlich verabschieden.

Heute denke ich manchmal, dass ich noch gut einige Jahre hätte weitermachen können, wenn ich gewusst hätte, dass ich noch so fit bleibe. Jedoch habe ich in den vergangenen elf Jahren viele Dinge vollbracht, die mir unheimlich viel Spaß gemacht haben. Ich habe viel gebaut, unter anderem das Kinder- und Jugendhospiz, das Oceanis (hierfür bekam ich den Stadtbildpreis), und vor kurzem wurde der Um- und Anbau der historischen Gaststätte „Zur Deichbrücke“ beendet. Bei diesen Aufgaben bin ich sehr detailorientiert und mache das mit sehr viel Herzblut. Ich war bis jetzt immer noch unter Volldampf, konnte jedoch zwischendurch ohne schlechtes Gewissen auch andere Dinge unternehmen.

Sie sind eine Frau des kurzen Prozesses, der schnellen Entscheidungen, oder? Der Kauf des Unternehmens von Ihrem Ex-Mann, der Verkauf an Dätwyler, das ging beides recht zügig.

Das kann man so sagen, ich bin generell eine Verfechterin der kurzen, knappen aber trotzdem wohl durchdachten Entscheidungen.

Würden Sie sagen, dass die Gründung und das Führen eines Unternehmens Sie in Ihrer Persönlichkeit und in Ihrem Verhalten verändert hat?

Nein – ich war und bin immer noch Angelika Reichelt. Ich komme aus einfachen, aber durchaus strukturierten Verhältnissen, die vielleicht unter den Nachwirkungen des Krieges gelitten haben. Trotz allem bin ich nach wie vor ein bescheidener Mensch und sehe auch die Not anderer Menschen. Es ist eine Sache, Erfolg zu haben. Leider ist Erfolg immer an Geld geknüpft. Ich gebe gerne von meinem Wohlstand ab, und vor allen Dingen begegne ich Menschen immer auf Augenhöhe.

Was würden Sie heute anders machen?

Was soll ich dazu sagen? Es gibt sicher immer irgendetwas, was man anders oder besser machen kann.

Welche Eigenschaften sind für Gründungsinteressierte in Ihren Augen am wichtigsten?

Man muss wissen, was man tut. Man muss lieben, was man tut.

Und vor allen Dingen muss man an das glauben, was man tut.

Wagen, riskieren, entscheiden und nicht resignieren.

Und aus jedem Tief heraus muss man sich wieder aufrappeln zu neuen Taten.

 

Liebe Frau Reichelt, haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre Offenheit und die vielen tollen, auch sehr persönlichen Einblicke in die Erfolgsgeschichte von Reichelt Elektronik. Sie machen mit Sicherheit vielen jungen Menschen Mut, insbesondere auch Frauen, sich etwas zuzutrauen und ihren eigenen Weg zu gehen.

Das Interview führte Dr. Daniela Bravin.

E-Mail: daniela.bravin@jade-hochschule.de
Telefon:  0 4421 985 – 2581

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