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#outofherbox | Interview mit Nursah Capulcu und Linda Pauksztat von

adieu

Das Vertrauen der Kund_innen macht uns sehr stolz.

Nursah Capulcu

Wir freuen uns sehr, dass Nursah Capulcu und Linda Pauksztat von „adieu“ Zeit gefunden haben, mit uns über den Gründungsprozess von „adieu“ und ihre Erfahrungen als Gründerinnen zu sprechen. „adieu“ hat seinen Firmensitz in Wilhelmshaven, Niedersachsen.

Liebe Nursah, liebe Linda, bitte stellt Euch und „adieu“ vor: Wer seid Ihr? Was habt Ihr für eine Ausbildung? Mit welcher Geschäftsidee und wann habt Ihr gegründet?

Linda: Wir sind das Team von Kreativ-Kreuz – einer kleinen Werbeagentur im Südkiez von Wilhelmshaven. „adieu“ ist die Marke, die wir entwickelt haben, um unsere ganz besondere Geschäftsidee zu vermarkten. Über den adieu-Shop ermöglichen wir es trauernden Angehörigen sowie Bestattern, ein ganz individuelles Grabmal zu Ehren der Verstorbenen zu entwickeln. Das Innovative dabei ist, dass dies unkompliziert von unterwegs oder zuhause und vom Smartphone, Tablet oder Laptop mittels eines Konfigurators möglich ist. Inzwischen haben wir auch eine App hierzu entwickelt.

Nursah: Darüber hinaus stellt die Nachhaltigkeit einen elementaren Bestandteil unserer Philosophie dar. Für jedes verkaufte Grabmal pflanzen wir einen Baum im Namen der Verstorbenen. Achtsamkeit, Toleranz und Verantwortung sind ein fester Bestandteil unseres adieu-Alltags. Unsere Grabmale werden in Zusammenarbeit mit einem regionalen, traditionellen Handwerksbetrieb liebevoll hergestellt. Die Grabmale sind zunächst in ihrer Form konfessionsfrei und besitzen im Gegensatz zu herkömmlichen Grabkreuzen eine großzügige Fläche. Dies bietet Raum für Gestaltung. Durch die Konfiguration können Kund_innen dem temporären Grabmal aus Holz zusätzlich Persönlichkeit verleihen, sodass sich die individuellen Eigenschaften des geliebten Menschen darin wiederfinden. Hierzu stehen ihnen verschiedene Optionen zur Verfügung. Es kann eine passende Schrift ausgewählt, ein Symbol hinzugefügt und ein Foto hochgeladen werden, um ein angemessenes Andenken zu Ehren des Verstorbenen zu gewährleisten.

 

Nursah Capulcu & Linda Pauksztat (v.l.n.r.)

Kennengelernt haben wir uns an der Jade Hochschule. Linda und ich haben beide Medienwirtschaft und Journalismus im Bachelor studiert und im Master Management Digitaler Medien. Ich habe vor dem Studium eine Ausbildung zur Grafikdesignerin abgeschlossen. Linda hat im Studium stärker einen Fokus auf das Journalistische und ich stärker auf das Gestalterische gelegt. Da haben wir uns schon sehr gut ergänzt, auch in Bezug auf die spätere Aufgabenteilung.

Nursah Capulcu

Wie ist es dann zu der Idee gekommen, „adieu“ zu gründen?

Nursah: Die Idee ist durch einen persönlichen Verlust entstanden. Für mich war es schon immer sehr erstrebenswert, selbständig zu werden und ein Startup zu gründen. Ich habe auch schon während des Studiums alle möglichen Zusatzkurse und Angebote an der Jade Hochschule wahrgenommen. Das waren schon einige. Es gab und gibt ein sehr breitgefächertes Angebot, und ich habe mich da gut weiterbilden können. Es wurde auch eine Startup-Challenge angeboten. Die ging zwei Wochen, an der habe ich teilgenommen. Das war ziemlich spannend, man hat viel mitgekriegt. Da ist mir vor allem präsent geblieben, dass eine gute Gründungsidee immer ein Problem löst und nicht einfach so vom Himmel fällt. So war es bei uns auch. 2017 ist mein Opa, zu dem ich eine sehr enge Bindung hatte, gestorben. Ich habe einen Migrationshintergrund, wie man so schön sagt – mein Opa war der erste aus unserer Familie, der aus der Türkei nach Deutschland migriert ist. Wir haben in der Familie entschieden, dass er auch der erste sein soll, der hier in Deutschland beerdigt wird. Da wir nicht wussten, welche Schritte jetzt hier zu gehen waren, hat jede(r) aus der Familie eine Aufgabe zugeteilt bekommen, um die er/sie sich dann gekümmert hat. Da ich die gestalterische Ausbildung hatte, bekam ich die Aufgabe, mich um die Gestaltung des Grabmals zu kümmern. Ich habe zunächst die örtlichen Bestattungsinstitute kontaktiert. Dabei habe ich festgestellt, dass es kein alternatives Angebot zu einem Holzkreuz gibt, das kulturell sowie menschlich angemessen gewesen wäre. Ich habe dann einen Schreiner ausfindig gemacht, der ein individuelles Grabmal gemeinsam mit uns hergestellt hat. Die Gestaltung, aber auch die Prozesse, es witterungsbeständig zu machen, fest in der Erde zu verankern und auch die für den Schreiner fremdsprachige Schrift darauf, das waren alles große Herausforderungen. Dazu kam die emotionale Belastung. Ich wollte eigentlich trauern, musste aber konstant für den Schreiner erreichbar sein, beständig Rücksprache mit der Familie halten und war für die zeitnahe Fertigstellung bis zur Beerdigung verantwortlich. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt, und ich wollte eine Lösung schaffen, die es möglichst vielen Angehörigen erspart, in eine solche Situation zu kommen und sich so zu fühlen. Dann habe ich Linda getroffen und habe mit ihr zusammen diese Idee weitergesponnen, ein digitales Angebot für trauernde Hinterbliebene zu schaffen, die entweder über ein Bestattungsinstitut oder eine eigene Recherche eine solche Lösung suchen, die in einer solchen schweren Zeit intuitiv bedienbar ist.

Linda: Ich konnte das gar nicht glauben, als Nursah mir von dem Problem berichtet hat und dass es dafür keine Lösung gibt. Und so haben wir entschieden, dass wir unsere Masterarbeiten über dieses Thema schreiben wollten. Wir haben dann auch mit Herrn Professor Dr. Barghorn einen Betreuer gefunden, der bereit war, diese Thematik und damit auch das Thema Unternehmensgründung im Rahmen einer Masterarbeit zu begleiten. Das war insofern auch etwas herausfordernd, weil man in einer Masterarbeit so wissenschaftlich wie möglich arbeiten soll, man im Rahmen einer Gründung aber immer auch viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus trifft. Schließlich haben wir einen guten Weg gefunden, die Arbeiten anzugehen. Nursah hat sich der Wirtschaftlichkeit der Unternehmung gewidmet, indem sie einen Businessplan erstellt hat, und ich habe mich um die Entwicklung eines Prototyps für den Online-Konfigurator gekümmert und diesen durch verschiedene Verfahren geprüft. So haben wir letztendlich zwei getrennte Masterarbeiten zu dem Thema verfassen können.

Ihr habt also im Rahmen Eurer Masterarbeit und damit während des Studiums gegründet, hattet in dieser Zeit bereits Kinder oder habt welche bekommen, und kurz nach Eurer Gründung ist die die Corona-Pandemie ausgebrochen – das sind ziemlich viele Herausforderungen auf einmal. Wie habt Ihr diese gemeistert?

Linda: Sehr positiv war, dass ich die Campus-Kita von Anfang an während der Masterarbeit und auch schon davor nutzen konnte und durfte. Meine Kinder und Nursahs Sohn wurden dort betreut, sodass wir unser Studium beenden konnten, was für uns eine enorme Erleichterung war. In Absprache mit den Dozent_innen konnte ich die Kinder während des Studiums auch das eine oder andere Mal sogar mit in die Vorlesungen nehmen. Unsere Familien wohnen leider nicht in der nahen Umgebung, diese konnten wir nicht spontan um Hilfe bei der Kinderbetreuung fragen. Viele unserer Freunde sind nach dem Studium weggezogen und konnten uns somit auch nicht unterstützen. Dementsprechend war und ist es nicht ohne, das alles unter einen Hut zu bekommen. Mittlerweile haben wir mehr Routine, aber der Start war schwierig, vor allem durch Corona. Die Familie durfte uns z.T. aufgrund von Einreisebeschränkungen nicht besuchen, und unsere Partner arbeiten beide in systemrelevanten Berufen, sodass wir die Kinderbetreuung in der Zeit nahezu allein bewerkstelligen mussten. Ohne die Betreuungsmöglichkeit im Kleinkindalter wäre dies nicht möglich gewesen.

Wie habt Ihr Eure Gegenüber erlebt während der Gründung, zum Beispiel bei Business-Terminen, zu denen Ihr Eure Kinder mitgenommen habt? Wie waren die Reaktionen?

Linda: Ich finde, wir sind gar nicht auf Ablehnung gestoßen. Der große Vorteil dabei war, dass wir von Beginn an als Mütter aufgetreten sind und dies somit von Anfang an für alle klar war.

Nursah: Aber wir haben vor der Gründung oft gehört, dass Kinder bekommen und Gründung zusammen nicht funktionieren. Dies hat uns aber in unserer Entscheidung ermutigt, es auszuprobieren. Natürlich war es nicht leicht. Wir wissen nicht, ob wir mit dem Wissen von heute den gleichen Weg angetreten hätten. Wir sind natürlich gerne da, wo wir jetzt stehen. Trotzdem mussten wir auf viele Dinge verzichten, zum Beispiel Urlaub, Freizeit, Unternehmungen mit Freunden, Reisen und Erholung.

Linda: Vor allem die eigene Persönlichkeitsentwicklung losgelöst von der Gründung und dem Muttersein gerät ins Hintertreffen. Ein Zeitfenster zu finden, indem man sich mit sich selbst beschäftigen kann, ist schwierig. Gründung und Kinder nehmen in den ersten zwei Jahren die gesamte Zeit ein, sodass man wenig Zeit für sich selbst findet.

Nursah: Der Antrieb spielt dabei eine sehr große Rolle. Der Antrieb bei mir war die persönliche Erfahrung. Es war ein Herzenswunsch von mir, und bei Linda ist es ebenfalls zu einem Herzenswunsch geworden. Hätten wir das nur aus finanziellen Gründen oder zum Ausprobieren gemacht, hätte es nicht funktioniert.

Wie geht ihr mit Konflikten um – In Bezug auf die Geschäftsidee oder interne Abläufe?

Linda: Wir sind sehr kompromissbereit und können über alles reden. Wenn wir nicht gleicher Meinung sind, finden wir eine einvernehmliche Lösung. Einen großen Konflikt hat es noch nie gegeben, dass wir z.B. hätten sagen müssen: „So kann es nicht weitergehen.“

Nursah: Bei Konflikten haben wir immer direkt darüber gesprochen. Uns vereint, dass wir sehr ehrlich sind. Dabei ist es wichtig, auch ehrlich über die Gefühle zu sprechen und Dinge zu hinterfragen, welcher Antrieb in dem Moment dahintersteckt. Meist finden wir auch in unseren konträren Meinungen etwas Gemeinsames, mit dem wir dann beide zufrieden sind.

Wie seid Ihr das Thema „Finanzierung“ angegangen?

Nursah: Wir haben im Studium viele Informationen über Rechtsformen erhalten. Leider nur oberflächlich und nicht im Detail. Zum Beispiel wussten wir nicht, was die Konsequenzen bei der Entscheidung für eine bestimmte Rechtsform sind. Da wir sehr sicherheitsliebende Menschen sind und unsere Familien schützen wollten, haben wir uns für die GmbH entschieden. Wir wollten etwas haben, auf das wir aufbauen konnten. Dies bedeutete, dass man eine gewisse Menge Stammkapital einbringen muss. In diesem Kontext war es so, dass wir durch die Jade Hochschule, das UGI und andere Anlaufstellen viele Kontakte vermittelt bekommen haben. So erhielten wir ein Erstgespräch bei einem Steuerberater, der uns bis heute begleitet und mit dem wir sehr zufrieden sind. Außerdem bekamen wir die Möglichkeit mit einem Marken- und Patentanwalt zu sprechen. Durch die unterschiedlichen Kontakte konnten wir uns verschiedene Meinungen einholen, im Hinblick auf den Betrag und den Wert der Firma. Durch eben diese haben wir Investor_innen kennengelernt, die wir für uns hätten gewinnen können, aber wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, was das für uns bedeuten würde. Daraufhin haben wir in unserem Bekanntenkreis Unternehmer_innen nach ihrer Meinung zu unseren Möglichkeiten gefragt. Uns wurde dazu geraten, dass wenn wir können, wir uns selbst finanzieren sollten.

Linda: Für uns war das noch sehr utopisch, uns selbst zu finanzieren. Wir kamen schließlich frisch aus dem Studium, hatten offene Studienkredite und waren der Meinung, dass wir sowieso keinen Kredit bekommen. Als wir trotzdem einen Termin machten, wurde alles etwas greifbarer. 

Nursah: Eine Sache müssen wir dabei noch ergänzen. Wir haben zu Beginn überlegt, ob wir das EXIST-Gründungsstipendium beantragen, und das hätten wir auch gerne getan. Es war jedoch so, dass wir zuvor mit unserer Idee und unserem Businessplan „Plug & Work“ gewonnen haben. Dadurch wurde für ein Jahr die Miete für unser Unternehmen gefördert, und wir haben zeitnah Räumlichkeiten gefunden. So hatten wir Zeitdruck und mussten schnell gründen, wofür wir dementsprechend schnell Geld benötigten. Unsere Gründung wäre zwar ein EXIST-förderfähiges Projekt gewesen, aber es hätte gedauert, bis wir eine Zu- oder Absage bekommen hätten. Deshalb wurde uns davon abgeraten. Wir haben uns über die verschiedenen KfW-Kreditmöglichkeiten informiert, doch auch hier hätte die Prüfung des Antrags wohl sechs Monate benötigt. Schließlich haben wir uns für einen Kredit von einer lokalen Hausbank entschieden. Es gab also Optionen, die wir auch gern in Betracht gezogen hätten, doch die zeitliche Komponente war ausschlaggebend – es musste schnell gehen.

Linda: Es spielte auch eine Rolle, dass wir bereits einen Programmierer für unseren Konfigurator engagiert hatten, der sich für uns ein bestimmtes Zeitfenster freigehalten hat. Programmierer sind eine kostspielige Angelegenheit und waren zu dem Zeitpunkt schwer zu bekommen bzw. sind es immer noch. Bevor er schließlich mit unserem Projekt loslegen konnte, war üblicherweise eine Anzahlung fällig, weshalb wir ebenfalls Zeitdruck hatten. So mussten wir schnell eine Entscheidung treffen und haben uns für einen Kredit von einer lokalen Hausbank entschieden.

Würdet Ihr die Finanzierung mit dem Wissen, das Ihr heute habt, anders angehen?

Linda: Heute würden wir es wohl anders angehen, vor allem die Sache mit den Investor_innen. Wir waren zum damaligen Zeitpunkt noch sehr unerfahren. Wir hatten eine Idee, und plötzlich gab es Investor_innen, die sich beteiligen wollten. Es ging um hohe Beträge, was für uns als Studierende neu war. 

Nursah: Ein paar Sachen wären durch die Investor_innen einfacher gewesen, andere jedoch auch wieder schwieriger. In Zeiten von Corona hätte es Probleme geben können, da wir nicht so flexibel gewesen wären. Wir mussten zu Beginn erstmal lernen, wie wir alles miteinander vereinen. Es wäre vermutlich schwieriger gewesen, wenn Investor_innen Bedingungen an bestimmte Dinge geknüpft hätten und wir diesen nicht gerecht geworden wären.

Das EXIST-Stipendium wäre natürlich gut gewesen damals.

Wir bereuen jedoch keine unserer Entscheidung, und in Bezug auf unseren damaligen Wissensstand war es die beste Entscheidung. Im Nachgang würden wir zwar manche Dinge anders machen, aber es hat trotzdem funktioniert. 

Wie seid Ihr mit Zweifeln und den Gedanken zu dem Risiko, auch in finanzieller Hinsicht, das eine Gründung mit sich bringt, umgegangen?

Nursah: Es ist für uns beide eine belastende Situation gewesen, da wir das so nicht kannten. Von außen ist viel Druck aufgebaut worden, auch was die Erziehung der Kinder, die eigene Persönlichkeit und das Auftreten angeht. Da ist es nicht immer einfach gewesen, auf seine eigene Stimme zu hören.

Das finanzielle Risiko ist immer präsent und beschäftigt uns. Das ist der Weg, den man geht. Je nach Situation ändern sich die Gefühle dahingehend. Wer wünscht sich nicht die Sicherheit und die finanzielle Handlungsfreiheit? Zum Beispiel zu sagen, wir nehmen jede Messe mit oder lagern etwas Bestimmtes aus.

 

Linda: Ergänzend zu „adieu“ haben wir uns noch in einem anderen Bereich abgesichert. Solange „adieu“ anläuft, können wir auch über andere Aufträge Geld einnehmen. Da Nursah aus dem grafischen und ich eher aus dem redaktionellen Bereich komme, treiben wir nebenbei unsere Werbeagentur an. Dabei nehmen wir den einen oder anderen Werbeauftrag von Website- über Logoerstellung bis hin zu weiteren marketing- oder vertriebsunterstützenden Arbeiten an.

Nursah: Wir managen die Finanzen, kümmern uns um Social Media und teilweise sogar um die Programmierungen. Es gab Momente, in denen wir gesagt haben, dass wir nicht mehr können und aufhören möchten. Und in guten Zeiten haben wir dann gesagt, dass doch alles gut läuft. Mal fühlt es sich gut an, mal nicht.

Wie bewertet Ihr heute die Entscheidung, gegründet zu haben?

Nursah: Insgesamt sind wir sehr stolz auf das, was wir getan und erreicht haben. Ich glaube, was wir uns in den letzten beiden Jahren an Kompetenzen und Wissen angeeignet haben, hätten wir in 10 Jahren in einem Betrieb nicht lernen können, da wir nicht in so viele verschiedene Bereiche hätten einsehen können. Wir können nicht sagen, dass wir es nochmal genauso machen würden. Aber wir können auch nicht sagen, dass wir es nicht tun würden.

Hattet oder habt ihr Vorbilder?

Nursah: Wir haben auf unserem Weg Menschen kennengelernt, die wir sehr vorbildlich finden.

Linda: In der Gründung sind wir auf Menschen gestoßen, die uns und die Idee gut fanden und uns unterstützt haben. Sie selbst haben bei ihrer eigenen Gründung Unterstützung erfahren, die sie an uns weitergegeben haben, und wir wiederum können jetzt auch unterstützen. Das ist ein schöner Glaubenssatz bzw. eine schöne Art und Weise, wie wir es auch machen möchten. Diese Form von Hilfe kam vor allem von Menschen aus unserem Netzwerk, die wir während der Gründung kennengelernt haben, zum Beispiel Steuerberater_innen und andere Unternehmer_innen.

Worauf seid Ihr in Bezug auf „adieu“ besonders stolz? Was waren bis jetzt die größten Erfolge für Euch?

Nursah: Wir sind stolz darauf, unsere Masterarbeit, die Gründung unserer eigenen Familien und unseres Unternehmens zeitgleich gemeistert zu haben.

Linda: Im Arbeitsalltag sind wir beide stolz auf die ganzen unterschiedlichen Aufgaben, die wir hier zu zweit stemmen. Wir machen mittlerweile die Administration der Website und des Webshops selbst, entwickeln selbst und haben unsere eigene Grafikabteilung. Ein riesengroßer Erfolg war, dass wir aufgrund gelockerter pandemiebedingter Restriktionen endlich auf die erste Fachmesse in Dresden gehen konnten. Das hat uns richtig gutgetan. Unser Stand war gut besucht, und die Leute haben sich sehr für uns interessiert. Die Bestattungsbranche ist eine Branche, die sich nicht unbedingt durch Innovationen auszeichnet. Deshalb sind die Gespräche oft nicht einfach, da man es manchmal mit „harten Brocken“ zu tun hat. Auf so einer Messe sind genau die Menschen, die etwas Neues sehen wollen. Durch die eingeschränkten Akquisemöglichkeiten der letzten zwei Jahre konnten wir kaum Touren unternehmen, auf denen wir in persönlichen Kontakt gekommen wären.

Nursah: Ich bewerte auch unsere konstante Weiterentwicklung als Erfolgserlebnis. Die Gründungsidee ist zwar aus einer privaten Geschichte geboren, stellt aber nicht nur eine Möglichkeit für türkischstämmige Menschen dar, sondern auch für Buddhist_innen, Hinduist_innen, Menschen muslimischen Glaubens, Juden und Jüdinnen, Jesid_innen oder auch Christ_innen. Wir haben unser Angebot immer wieder erweitert und dazugelernt. Außerdem war es ganz besonders, dass nicht nur wir auf der Suche nach Bestatter_innen waren, sondern auch Bestatter_innen uns suchten. Plötzlich rief ein Bestatter aus Berlin an und erzählte, dass er primär russisch-orthodoxe Beisetzungen hat und daher auf der Suche nach Alternativen ist. So sind wir dann zusammengekommen.

Linda: Jede Woche passieren Dinge, über die wir uns freuen, dass sie so funktioniert und wir gutes Feedback erhalten haben. Teilweise sind es nur Kleinigkeiten und manchmal große Meilensteine. Irgendwas läuft immer gut.

Nursah: Auch das Vertrauen der Kund_innen macht uns sehr stolz, obwohl wir relativ neu in der Branche sind.

Wie schaut Ihr in die Zukunft? Was sind Eure Pläne?

Nursah: Was wir in den letzten Jahren gelernt haben, ist, dass man keine festen Pläne schmieden sollte, sondern flexibel bleiben sollte. So begegnen wir auch der Zukunft. Wir sind sehr offen – ob es Projekte sind, die von außen kommen oder jemand mit einsteigen möchte und eine Komponente einbringt, die wir nicht anbieten können.

 

Ihr habt vorhin über den Aufholbedarf im Bereich Innovationen in Eurer Branche gesprochen. Was bietet Ihr hier konkret an?

Nursah: Das Besondere an unserem Produkt ist, dass wir fünf- bis siebenhundert Sprachen abbilden können, sodass der Name der Verstorbenen richtig auf ihrem Grabmal stehen kann. Außerdem haben wir über 100 verschiedene religiöse Symbole entwickelt. Wir haben zudem eine geführte Tour mit eingebaut, die wir komplett selbst erstellt haben. Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit, einen QR Code abzubilden. Über den könnte eine Gedenkseite angebunden werden oder wenn dieser Mensch einen Wikipedia-Eintrag oder ein Musikstück besonders mochte. Dann wird das Musikstück jedes Mal am Grab abgespielt. Wir können Fotos hochladen und abbilden. Das ist auch etwas ganz Besonderes in der Branche. Wir haben auch eine Funktion entwickelt, einen Link zu erstellen, der es Familienangehörigen an unterschiedlichen Orten ermöglicht, gemeinsam an einem Entwurf zu arbeiten. Die Person kann eine individuelle URL erstellen und diese über WhatsApp, E-Mail oder Facebook versenden. Wir sind auch ein sehr nachhaltiges Unternehmen. Alles, was wir tun, ist „made in Germany“; ob die Programmierung, die Holzarbeiten oder unsere Arbeit. Wir möchten der Natur etwas zurückgeben und pflanzen für jedes verkaufte Grabmal einen Baum im Namen der Verstorbenen. Anschließend stellen wir ein Zertifikat aus, das wir an den Kunden versenden. Das kann man sich dann als Erinnerung einrahmen und aufhängen, wenn man möchte. Wir verkaufen diese „Tree of Memory“-Zertifikate auch einzeln. Falls jemand kondolieren möchte und nicht weiß, was gerade angemessen ist, kann er zum Beispiel einen Baum pflanzen lassen. Da arbeiten wir zurzeit mit dem Partner „Click-a-Tree“ zusammen. Die haben wir bei der Fernsehshow Höhle des Löwen entdeckt und direkt kontaktiert. Außerdem stellen wir aus unseren Restprodukten neue Produkte her.

Ihr habt euch also schon sehr intensiv Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit gemacht. Das Produkt ist somit schon sehr durchdacht. Der Vertrieb ist nun das, an dem ihr arbeiten müsst, richtig?

Nursah: Genau. Wir sind nun an dem Punkt, an dem soweit alles fertig ist. Wir haben einen Katalog, einen Flyer, Give Aways, waren auf der Messe und haben ein tolles Produkt. Wir können nach den zwei Jahren sagen, dass wir unsere Versprechen einhalten können. Es geht jetzt darum, das Ganze nach vorne zu bringen. Uns hat mal ein Bestatter gesagt, dass wir der Zeit fünf Jahre voraus sind. Die Menschen, die sich zurzeit um eine Bestattung kümmern, gehören in der Regel noch nicht zur „digitalen“ Generation. Das beginnt sich jedoch gerade zu verändern in Richtung Digitalisierung.

Viele Muslime der älteren Generation haben sich in ihre Heimatländer überführen lassen, da eine Bestattung nach islamischem Ritus so in Deutschland noch nicht möglich war. Dies ändert sich gerade, da die deutsche Gesetzgebung sich hier beginnt, zu verändern. Darüber hinaus identifiziert sich die jüngere Generation unter den Muslimen immer stärker mit Deutschland und wünscht sich von daher auch, hier bestattet zu werden. Das ist beispielsweise eine ganz wichtige Entwicklung für unser Geschäftsmodell.

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Würdet Ihr sagen, dass die Gründung und das Führen eines Unternehmens Euch verändert hat? Wenn ja, wie?

Nursah: Definitiv. Wir haben in der Zeit viel reflektiert, bei Erfolgen und bei Misserfolgen. Wenn man anfängt, Prozesse und Verhaltensweisen zu reflektieren, lernt man aus diesem Verhalten. Ich bin ein sehr entscheidungsfreudiger Mensch und kann sehr schnell und intuitiv Antworten geben. Jetzt entscheide ich nicht mehr ganz so häufig nur aus dem Bauch heraus, sondern wäge stärker ab, welche Entscheidungen ich allein treffe oder besser noch einmal mit Linda reflektiere. Wenn wir ein Risiko eingehen, muss man hinterfragen, was dieses Risiko langfristig bedeuten kann, für das Unternehmen und auch für uns beide.

Linda: Ich bin und war schon immer ein sehr ordnungsliebender, strukturierter Mensch. Nicht zuletzt als Mama von zwei Kindern ist mir mein Zeitmanagement heilig. Spätestens mit der Gründung war jedoch umdisponieren angesagt. Durch die verschiedenen Aufgaben, aktuellen Entwicklungen und unvorhersehbaren Meetings war oft auch mal Spontanität gefragt, die mich aus meinem Zeitplan gerissen hat. Es war nicht einfach, aber ich habe gelernt, mich nicht immer an speziellen Vorhaben „festzuhalten“ – es darf auch mal etwas dazwischenkommen und Pläne dürfen auch mal „gecrasht“ werden.

Somit ist die Selbstständigkeit auch ein Mehrwert für Eure Persönlichkeitsentwicklung gewesen?

Nursah: Definitiv. Man ist geprägt von verschiedenen Rollen, die man angenommen hat – sei es Tochter, Schwester, Studentin oder Partnerin. Die Rollen haben sich nun verändert. Ich bin jetzt auch Mutter und Unternehmerin. Das hat unweigerlich dazu geführt, dass gewisse Komponenten des Charakters an Stärke gewonnen haben. Für ein Wort einstehen, aber auch sich nicht mehr beirren zu lassen.

Linda: Auf die eine oder andere Entwicklung hätte ich wohl gerne verzichtet, wobei auch die etwas unschönen Erfahrungen natürlich dazu gehören – das zeigt sich dann oft erst im Nachhinein. Aus unterschiedlichsten Situationen und Herausforderungen, denen wir uns gestellt haben, konnten wir unheimlich viele Erkenntnisse für zukünftige Entscheidungen schöpfen.

Was würdet Ihr heute anders machen?

Nursah: Definitiv ist es die Rechtsform der GmbH, für die wir uns aus Sicherheitsgründen entschieden haben. Die Tragweite dieser Entscheidung war uns damals nicht vollständig bewusst.

Linda: Wir haben in den letzten zwei Jahren mehr Entscheidungen getroffen als jemals zuvor in unserem Leben. Von essenziellen Grundsatzentscheidungen bis hin zu der Frage, was wir unseren Gästen beim morgigen Meeting zu trinken anbieten möchten – dazwischen bewegen wir uns nahezu täglich. Natürlich denken wir an einigen Stellen – wie eben bei der Rechtsform – darüber nach, ob es die beste Wahl war. 

Was glaubt Ihr: War das Gründen für Euch als Frauen im Vergleich zu Männern anders?

Nursah: Es ist definitiv anders. Vor allem in der Bestattungsbranche haben wir viel mit Männern zu tun und ganz selten mit Frauen. Wir haben zum Beispiel Frauen kennengelernt, die seit 20 Jahren selbstständig in Berlin agieren. Die haben im Impressum ihren Vornamen abgekürzt, dass nicht erkennbar ist, dass die Geschäftsführung weiblich ist, weil eine Frau es schwerer hat, in der Branche akzeptiert zu werden. Hier sehen wir jedoch auch gerade einen Generationswechsel.

Wir sind wir, möchten nichts anderes darstellen und uns nicht künstlich an andere Erwartungshaltungen anpassen. Der Druck ist auf jeden Fall da. Von einer Frau wird oft erwartet, immer schick und ordentlich zu sein. Das nebenbei mit Kind und Geschäft zu schaffen, ist sehr schwierig. Da mussten wir uns unseren Weg erkämpfen. Authentizität ist sehr wichtig als Frau und sich selbst treu zu bleiben.

Linda: Es fängt ja zunächst damit an, dass man sich als Frau bzw. Mutter die Frage stellt, ob das überhaupt funktionieren kann. Oftmals wird einem durch die Medien oder auch durch das Umfeld suggeriert, dass eine Frau sich entscheiden müsse, ob sie erst ihre Karriere oder erst die Familienplanung anstrebt – beides sei gleichzeitig nicht möglich. So stellten wir uns die Frage, wie beides miteinander vereinbart werden kann und wie wir beidem gerecht werden können. Ich glaube, dass Frauen damit schon eine deutliche Limitierung erfahren, wobei es sich zunehmend auszahlt Stärke und Willenskraft für seine Überzeugungen zu zeigen. Dadurch haben wir Anerkennung und wertvolle Unterstützung durch Menschen aus unserem Netzwerk erfahren, von denen der eine oder andere es nicht unbedingt erwartet hätte.

Welche Eigenschaften sind für Frauen, die gründen wollen, in Euren Augen am wichtigsten?

Nursah: Auf jeden Fall ist es wichtig, dass man Antrieb hat. Egal, woraus sich dieser gründet – er muss sehr hoch sein.  Aber es gibt auch viele weitere Punkte: Durchhaltevermögen, Flexibilität, Durchsetzungsvermögen, Zielstrebigkeit, Stärke und Selbstbewusstsein.

Linda: Was auf jeden Fall auch nicht fehlen darf ist eine große Portion Leidenschaft für das, was man tut und aufbauen möchte. Ohne Liebe für das eigene Projekt und den Mut dieses in die Realität umzusetzen, kann es sehr schwierig werden, sich nicht durch möglichen Gegenwind aus der Bahn werfen zu lassen.

 

Habt Ihr daneben noch Gedanken oder Tipps, die Ihr mit potenziellen Gründerinnen teilen möchtet?

Linda: Grundsätzlich ist es im gesamten Prozess der Gründung immer empfehlenswert, Fragen zu stellen. Man wird mit ganz neuen Aufgaben und Themen konfrontiert, die wiederum dazu führen, stetig Entscheidungen treffen zu müssen. Es ist ratsam, sich bei gewissen Themen Beratung zu holen – auch wenn man dafür manchmal über seinen Schatten springen muss. Es sollte weniger eine Schwäche darstellen, kein(e) Expert_in im Steuerrecht, in der IT oder in der Versicherungsbranche zu sein, sondern vielmehr eine Stärke, das geballte Fachwissen von denjenigen zu nutzen, die einem weiterhelfen können.

Netzwerken ist sehr wichtig. Man sollte dies nicht unterschätzen. Über unser Netzwerk sind wir an die Räumlichkeiten für das Unternehmen gekommen. Über das Netzwerk an der Jade Hochschule haben wir Kontakt zu unserem Steuerberater hergestellt und über den Steuerberater dann wiederum zu möglichen Investor_innen. Linda kommt aus der Region Hamburg und ich aus dem südlichen Teil von Deutschland. Bis wir dort Gehör bei Entscheidungsträgern auf entsprechenden Positionen erhalten hätten, hätte es viel länger gedauert, schätzen wir. Das, was man hier in Wilhelmshaven vor Ort hat, um erfolgreich gründen zu können, wissen wir wirklich sehr zu schätzen.

Nursah Capulcu

Liebe Nursah, liebe Linda, ganz herzlichen Dank, dass Ihr Eure Erfahrungen mit uns geteilt habt! Weiterhin alles Gute für Euch und „adieu“!

Die Fotos hat unsere liebe Jennifer Dodoo-Brunmaier von Dodoo-Photography geschossen.

Das Interview führte Dr. Daniela Bravin.

E-Mail: daniela.bravin@jade-hochschule.de
Telefon:  0 4421 985 – 2581


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